Baden gehen erlaubt

Wasser ist ein besonderer Stoff. Es dehnt sich bei Kälte aus und verdampft bei Hitze. Wasser erhält Leben, bringt manchmal aber auch den Tod. Mit Wasser werden Menschen getauft. Mit Wasser werden Menschen gefoltert. Im Wasser kann man schwimmen, aber auch untergehen. Wasser hat Eigenschaften, die sich der Mensch oft zunutze macht. Eine besondere Eigenschaft wird nur sehr selten genutzt, nämlich, dass auf dem Wasser zu laufen möglich ist, wie in Mt. 14 erzählt wird. Es lohnt sich einzutauchen in das Wasser dieser Geschichte.

Wenn die Wellen hochschlagen

Wie Petrus und die anderen Jünger kommen auch wir immer wieder in Situationen, in denen uns der Wind entgegensteht, Stürme uns aus der Bahn werfen und Wellen über uns zusammenschlagen. Situationen, in denen wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten am Ende sind, mit all unseren Erfahrungen, all unserer Weisheit und Stärke nicht weiterkommen.

Das kann einen Menschen zutiefst erschüttern und manchmal sogar den Mut zum Leben nehmen, wenn Probleme überhandnehmen, sei es in der Partnerschaft und Familie, in der gesellschaftlichen Stellung oder am Arbeitsplatz, in der Auseinandersetzung mit durch Corona bedingten Konflikten oder bei finanziellen Problemen, so dass die Wellen über dem Kopf zusammenschlagen. Wer immer nur Gegenwind erfährt, kann schon auch verzweifeln und im Meer der Einsamkeit, der Not, der Krankheit, der Hoffnungslosigkeit versinken.

Grund unter Füße bekommen

Bei Wellengang besteht Verwechslungsgefahr. Und manchmal sehen wir nicht, was vor Augen liegt, oder sehen nur Gespenster und haben allerlei Erscheinungen. Doch nicht jede Erscheinung ist ein Gespenst. Aber natürlich ist auch nicht jedes Gespenst eine Erscheinung Jesu.

Die Jünger haben Glück: Es ist kein Gespenst. Es ist Jesus. Seine Zusage gilt und wir sollen und dürfen uns in schwierigen Situationen daran erinnern: „Keine Angst! Ich bin es, fürchtet euch nicht!“ Vielleicht wie Petrus. Er hört auf Jesus und tut, was er noch nie getan hat: Mitten im Sturm vertraut er dem Wort Jesu mehr als seinen menschlichen Möglichkeiten und Erfahrungen und kann über das Wasser gehen. Petrus traut sich was, weil er es zuallererst nicht sich selbst, sondern Jesus zutraut. Petrus wagt, was er noch nie getan hat. Ohne zu wissen, was daraus wird. Aus dem Boot steigt er, in ungesichertes Gelände. Dahin, wo man nach menschlichen Erfahrungen keinen Fuß auf die Erde, keinen Grund unter die Füße bekommt und untergehen muss.

Auch im Scheitern gehalten

Fast möchte man neidisch werden auf die Erfahrung, die Petrus gemacht hat: Zum einen: das Wasser trägt – gegen alle Erfahrung. Zum anderen: Baden gehen ist erlaubt. Auch im Scheitern sind wir gehalten und getragen.

Fazit: Ohne Vertrauen und Mut zum Risiko kommen wir in der Welt nicht aus. Ohne Scheitern ebenfalls nicht. Hier und da werden wir baden gehen. Und: Wir werden gehalten: Warum hast du gezweifelt?

Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten und Problemen im Leben und wir sind an unterschiedlichen Wasserstraßenkreuzungen unterwegs:
* wissen manchmal nicht, wie weiter
* sehen manchmal das Meer vor lauter Wasser nicht
* sind manchmal voller Vertrauen, dass alles gut wird und Hilfe kommt
* wachsen manchmal über uns hinaus und wagen das scheinbar Unmögliche
* gehen manchmal unter im Strudel unserer eigenen Verzagtheit
* oder sitzen einfach nur in unserem alten Boot und wagen uns überhaupt nicht mehr zu bewegen, weil die See so rau, der Himmel so grau und die Aussichten so mau sind.

Wann was in unserem Leben dran ist, lässt sich nicht pauschal beantworten, wie in folgender Anekdote beschrieben wird. Leider ist sie nicht im NT überliefert: Sagt einer der Jünger zu Petrus, der sich gerade aus dem Boot schwingen will: „Es ist mir ganz egal, ob Jesus dich gerufen hat. Solange ich hier angle, läufst Du mir nicht über’s Wasser!“

Lied

EG 378 „Es mag sein, dass alles fällt“

 

Axel Kramme

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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