Wie das Geheimnis Gottes in den Blick kommt

Blind für Gottes Geheimnis?

Merkwürdig, dass Thron und Altar in der evangelischen Kirche jemals nahe beieinander gesehen wurden. Paulus stellt einen krassen Gegensatz fest: „Keiner von den Herrschern dieser Welt“ hat „die Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist“, erkannt (V. 7f). Mit den Herrschern meint Paulus nicht nur das jüdische Synedrion und Pilatus. Er schreibt es ganz allgemein: Keiner! Wird, wer Macht ausübt, wer andere zwingt, blind für Gottes Geheimnis?

Paulus jedenfalls, als er erstmals nach Korinth kam, war gar nicht in der Lage irgendjemand zu zwingen. „Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern“ (V. 3). Doch genau seine Schwachheit sieht Paulus als Chance. So geschah seine Predigt „nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern im Aufzeigen (apodeiknumi) des Geistes und der Kraft“ (V. 4).

Hier scheint mir der Schlüssel zum Verständnis des Abschnitts (und darüber hinaus ein Schlüssel zum Verständnis von Paulus überhaupt) zu liegen: Beim Geheimnis Gottes gibt es nichts zu erklären, nichts zu veranschaulichen. Da müssen keine Bilder imaginiert und keine Beispiele konstruiert werden. Das Geheimnis Gottes ist schon immer da, allgegenwärtig in seiner Schöpfung und in seinen Geschöpfen. Das einzige, was Paulus und anderen Predigern zu tun bleibt, ist aufzuzeigen, hinzuweisen auf das, was im Prinzip vor aller Augen ist. So ein Aufzeigen haben wir in 1. Kor. 1,26: „Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.

Soziale Ungleichheiten

An der für jeden offenkundigen sozialen Struktur der Gemeinde in Korinth zeigt Paulus, wie Gottes Geist und Gottes Kraft gerade in den Ungebildeten seine Kraft entfaltet. Dabei sollten wir Akademikerinnen und Akademiker uns hüten, uns diese christliche Unterschicht als harmlos-naive Gläubige vorzustellen, die bei den Gebildeten in der Gemeinde Orientierung suchen. Die Probleme beim Abendmahl, dass das Buffet schon geplündert war, wenn die Hafenarbeiter endlich dazugekommen sind (1. Kor. 11,17ff), haben nicht die Hafenarbeiter verursacht sondern die Privilegierten, die nicht so lange arbeiten mussten. Während die Sklaven mit einem feinen Gespür dafür, dass Jesus dazu nicht geschwiegen hätte, einen Hilferuf an Paulus geschickt haben.

Für Paulus ist Bildung ist keine Voraussetzung für den Zugang zum Geheimnis Gottes. Eher ein Hindernis. Weil sich das Geheimnis Gottes weder lernen noch lehren lässt. Was Menschen brauchen, um etwas von Gott wahrzunehmen, ist eine neue Blickrichtung. Paulus zeigt nur auf. Dann fällt es wie Schuppen von den Augen: Gottes Geist und Kraft sind ja die ganze Zeit schon da!

Wer viel Energie in seine Bildung investiert hat, wird sich schwertun mit dem neuen Blick. Denn der Preis des neuen Blicks ist, viele der mit Schweiß und Tränen erworbenen Erkenntnisse fahren zu lassen. Könnte dies, dass viele evangelische Gemeinden der vergangenen Jahrzehnte vorwiegend für das akademisch gebildete Milieu attraktiv waren, auch daran liegen, dass in Theologie und Gemeinden zu viel Weisheit der Welt traktiert wurde – durchaus auch theologisch oder moralisch bemäntelt?

Verzicht auf Macht

Doch wohin soll sich der neue Blick richten? Wenn das Geheimnis Gottes allgegenwärtig ist, warum sehen es nicht alle?

Es macht stutzig, dass Paulus in diesem Zusammenhang den Herrschern der Welt so viel Aufmerksamkeit schenkt. Vermutlich war keiner der lokalen Machthaber Mitglied der Christengemeinde. Aber, wie man im weiteren Brief merkt, es gab in der Gemeinde durchaus Leute, die ganz genau wussten, was richtig und falsch ist, und die versucht haben, die anderen auf den rechten Weg zu bringen – zu deren eigenem Besten natürlich und dem Besten der Gemeinde.

Wo jemand sein Wissen, also das, was er auf einem anstrengenden Weg als richtig erkannt hat, durchsetzen will, da herrscht die Weisheit dieser Welt. Das ist strukturell immer dieselbe Rationalität, die ohne Bedenken bereit war, den Herrn der Herrlichkeit zu kreuzigen. Natürlich gibt es in einer christlichen Gemeinde nicht gleich Tote. Aber die Privilegierten, die beim Abendmahl faktisch die Hafenarbeiter aus der Gemeinschaft ausgeschlossen haben, hätten ohne Paulus so weitergemacht, bis die Hafenarbeiter irgendwann weggeblieben wären. Sie waren sich keinerlei Schuld bewusst.

Wohin soll sich der Blick richten, damit das Geheimnis Gottes in Sicht kommt? Es gibt keine bestimmte Richtung. Am allernächsten, schreibt Paulus, ist das Geheimnis Gottes jedem von uns in uns selbst: „So lebe nun nicht ich, Christus lebt in mir!“ (Gal. 2,20) Was wir tun können, damit der Blick frei wird, ist der Verzicht auf Macht, der Abschied von der moralischen Überlegenheit über andere. Und dann vielleicht hören auf die, auf die wir bisher herabgeschaut haben, die von aller Welt als beschränkt, als töricht angeprangert werden (1. Kor. 1,27).

Michael Rau

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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