Christus – das Licht der Welt

Das traditionelle Thema des ersten Sonntags nach Epiphanias, nämlich die Taufe Christi, kommt nur in der Evangelienlesung vor. Stattdessen betonen der Predigttext als auch die vorgeschlagenen Lieder EG 410 oder 441 das Epiphanie-Motiv vom göttlichen Licht, das in die Welt gekommen ist, und zwar in der Person Jesu Christi.

Universale Ausweitung der Perspektive

Jes. 42 ist das erste der sog. Gottesknechtslieder und stellt einen Erwählten vor, der berufen ist, „Licht der Heiden“ (V. 6), d.h. der nichtjüdischen Völkerwelt zu sein, unter die er das Recht (Gottes) bringen soll (V. 1). „Die Inseln warten auf seine Weisung“ (V. 4), das bedeutet: die ganze weite Welt bis an ihre äußersten Grenzen. Denn Gott stellt sich selbst vor als der, „der die Himmel schafft und ausbreitet. Der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr (d.h. allen Menschen) Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen“ (V. 5). Das ist eine atemberaubende Ausweitung der Perspektive, die in dem für Deuterojesaja typischen universalen Monotheismus begründet ist (vgl. Jes. 40,12-25; 41,1-7; 44,6-8 u.ö.). Für ein Volk, das gewohnt ist, Gott in den Grenzen seines Bundes mit Israel zu sehen, ist das äußerst gewöhnungsbedürftig, obwohl diese weltweite Verheißung schon im Abrahamsbund niedergelegt ist.

Wer ist der „Gottesknecht“?

Wer aber ist dieser geheimnisvolle Erwählte, von dem es heißt: „Das ist mein Knecht“ (V. 1)? Darüber gibt es eine Kontroverse, die bis heute unter jüdischen und christlichen Auslegern im Gange ist. Viele Stellen deuten nämlich darauf hin, dass mit dem „Knecht Gottes“ das Volk Israel selbst gemeint ist. So heißt es z.B. in Jes. 41: „Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Same Abrahams, meines Geliebten, du, den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht –, fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“ (Jes. 41,8-10). Hier kann kein Zweifel sein: Israel als Ganzes ist angesprochen und „Knecht Gottes“ genannt. Derlei Stellen gibt es mehrere, z.B. Jes. 43,1; 44,1 u.ö. Es ist in der Tat erhellend, wenn man auch die klassischen Knecht-Gottes-Lieder einmal auf Israel hin liest, Israel, das um der Sünden der vielen willen leidet, das getötet wird und dennoch lebt (vgl. Jes. 53). Wer würde da nicht an die Shoa denken? Oder Israel, das berufen ist, in Erfüllung des Abrahamssegens das Licht Gottes zu den Völkern zu bringen.

Dennoch ergibt sich von unserem Predigttext noch ein anderes Bild: Dort scheint der Auserwählte eine Einzelperson zu sein. Das macht besonders eine Passage im zweiten Teil unseres Predigttextes deutlich, wo es heißt: „Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk“ (V. 6). Eine merkwürdige Formulierung, die aber in Jes. 49,8 wiederholt wird. Hier wird der Bund Gottes mit Israel in einem einzelnen Berufenen repräsentiert inmitten des berufenen Volkes. Der Bund verdichtet sich personal. So entsteht ein Bild konzentrischer Kreise: im Mittelpunkt der Einzelne, der den Bund mit Israel verkörpert, darum herum das berufene Volk und schließlich der ganze Kreis der Erde.

Jesus als erwählter Gottesknecht

Die christliche Theologie hat in diesem Einzelnen von Anfang an Jesus Christus gesehen, der hier wie in einem Vorentwurf schon abgebildet ist. Petrus bezeichnet Jesus in Apg. 3,13 als Gottes Knecht. Ja, Jesus selbst hat die Verheißungen des Propheten Jesaja auf sich bezogen, wie seine Predigt in der Synagoge von Nazareth zeigt (Lk. 4,16-21). Wörtlich wird da zwar Jes. 61 zitiert, aber es hätte vom Inhalt her genauso gut Jes. 42,7 sein können. Im Fortgang dieser Geschichte zeigt sich dann aber, dass die Verwerfungslinie zwischen Jesus und seinen Zuhörern genau an der Grenze zwischen der Berufung Israels und der Sendung in die Völkerwelt hinein verläuft, also an der Begrenzung, die Deuterojesaja mit unserem Predigttext gerade aufbrechen und ausweiten will.

In diese Ausweitung sind auch wir hineingenommen als Adressaten des universalen Heilswillen Gottes, als Beschenkte aus der Völkerwelt, die Gott nie aus den Augen verloren hatte: „Christus, das Licht der Welt. Welch ein Grund zur Freude“ (EB410,1)!

Franziskus Joest

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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