Vom Geist Gottes bewegt

Jesus sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“

Die Jahreslosung 2022 kommt einladend daher. „Kommt, macht euch auf“, scheint sie zu sagen, „zu Krippe und Stall, in ein neues Jahr, zu einem neuen Anfang, in einen neuen Lebensabschnitt mit Jesus. Ihr seid jederzeit willkommen. Ihr müsst nur losgehen.“ Doch so einfach ist es nicht.

Joh. 6,37b steht zwischen der Speisung der 5000, dem Seewandel und dem Bekenntnis des Petrus inmitten der großen Rede vom Brot des Lebens. Speisung und Seewandel gehen als Zeichen für Jesu Vollmacht der Brotrede voraus. Die Rede kennzeichnet Jesus selbst als Brot des Lebens, das einen Hunger stillt, der über notwendige Nahrungsaufnahme (der 5000) hinausreicht. „Zu Jesus kommen“ bedeutet daher, Anteil zu haben an Jesus als Brot des Lebens und damit an Auferweckung und ewigem Leben. Die Jahreslosung birgt in sich also eine spirituelle Tiefe, die schon vielen Zeitgenossen Jesu ein Ärgernis war (Joh. 6,41f.52) und seinen engsten Kreis spaltete (Joh. 6,60-66).

Zudem verdeckt die Abgrenzung der Jahreslosung auf Joh. 6,37b, dass der Zutritt zu Jesus und damit zum ewigen Leben unmöglich ist, wenn Gott es nicht will. Das erhellt aus dem gesamten Kontext (vgl. besonders Joh. 6,44). Kein Mensch kann aus eigenem Wunsch und Willen zu Jesus kommen, was die Jahreslosung – oberflächlich betrachtet – suggeriert. Die Predigt über Joh. 6,37b wird daher den Kontext und damit die ihr innewohnende Tiefe im Blick haben, um dem Geist Gottes Raum zu geben, der Menschen überhaupt erst zu Jesus treibt.

Als solche vom Geist Bewegte lassen sich die Hörenden dann allerdings gut ansprechen, denn sonst wären sie nicht im Gottesdienst. Dass sie da sind, um Jesus, das Wort des Lebens, für ein neues Jahr, einen neuen Anfang, einen neuen Lebensabschnitt und für eine Hoffnung über den eigenen Horizont hinaus zu hören, geschieht kraft des Heiligen Geistes. Dasselbe gilt fürs Singen und Beten und im Abendmahl – alles je für sich und im Zusammenklang ein Kommen zu Jesus. Die Predigt wird die Hörenden auf ihren Glauben als Geistesgabe ansprechen, unterschiedlich angeregt und gewachsen, geprägt und gelebt, angefochten und gestärkt und herausgefordert, sich mitten im Leben dem Willen Gottes anzuvertrauen, zugleich „ernährt“ vom Brot des Lebens, also von Jesus, der die Auferstehung und das Leben ist.

Die Predigt wird allerdings zu bedenken haben, dass es Menschen gibt, die „zu Jesus kommen“ wollen, also glauben wollen, aber nicht können, weil Gott es nicht will. Vermutlich kennen alle Predigenden solche Menschen und können von ihnen erzählen. Abweisung ist eine Erfahrung, die nicht nur unter Menschen gemacht wird; wörtlich steht „hinausstoßen“, was das Empfinden, nicht dazuzugehören, drastisch beschreibt. So wenig Glaube aus eigenem Willen möglich ist oder eigenes Verdienst, so wenig ist Unglaube schuldhaft und verdammungswürdig. Zu Jesus kommt nur, wer nach Gottes Willen dazu bewegt wird. Die aber nimmt Jesus an und lässt sie teilhaben an Auferstehung und ewigem Leben, denn dazu ist Jesus nach dem Willen Gottes in die Welt gekommen. Da können Menschen ankommen und sich willkommen wissen, können Ruhe finden für ihre unruhigen Herzen in unruhigen Zeiten, können Erlösung spüren und feiern, Halt und Orientierung finden, können über den eigenen begrenzten Horizont hinausschauen und das eigene Leben in einem größeren Zusammenhang von Zeit und Ewigkeit sehen – und stets neu mit Petrus (Joh. 6,68) bekennen: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!“

Andreas Kahnt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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