Reichtum für alle

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. So sagt es die Volksweisheit. Der Evangelist folgt einer anderen Weisheit. An V. 14, in den in Verbindung mit V. 16 der Logos-Hymnus einmündet, fügt er eine ausdrucksstarke Explikation an. Die Freude darüber, dass Gottes ewiger Logos als Mensch Jesus von Nazareth zur Welt gekommen ist, findet eine Fortsetzung: Hier auf der Erde, unter den Menschen trägt die Menschwerdung Früchte. Die verbindenden Leitbegriffe sind Gnade und Wahrheit. An Epiphanias kommt zum Leuchten, dass weder das Gnadenlose noch das Verlogene herrschen werden, sondern Gott sich uns zuneigt – die Ursprungsbedeutung von Gnade – und hält, was er verspricht (V. 14.16f.; vgl. EG 70,1).

 

Randfiguren und die Hauptfigur

Wenn Randfiguren unwichtig wären, könnte man sie weglassen. Aber Johannes der Täufer und Mose haben hohen Rang. Sie sind keine Negativfolie für das Auftreten Jesu – im Gegenteil. Johannes nimmt die Rolle des Vor-Läufers Jesu und seines Zeugen wahr. Und Mose ist Kommunikator des Gotteswillens, der das religiöse und das soziale Leben ordnet. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger (Isenheimer Altar!) und mit den die Gesetzestafeln nach oben reckenden Armen spielen sie eine wichtige Rolle. Diese bringt die Hauptfigur zum Leuchten und zeigt zugleich, dass der Jude Jesus in der Glaubensgeschichte Israels verortet ist.

 

Jesu Armut und Reichtum

Dass Jesus Christus, in einem armseligen Stall geboren und elend am Kreuz gestorben, reich und freigebig für alle ist, hat schon Paulus unterstrichen (Röm. 10,12). Nicht nur selber reich zu sein an Gnade und Wahrheit, sondern seinen Reichtum in den Dienst der Menschen zu stellen – das weist ihn als den Herrn seiner Gemeinde aus. Sein Reichtum genügt nicht sich selber, bleibt nicht für sich und bei sich, sondern verschenkt sich. Überschießender Reichtum, der auf die übergeht, die auf ihn ihr Vertrauen setzen. Christenmenschen sind in dieser ganz und gar immateriellen Weise Reiche und Beschenkte. Erzählend zeichnet der Evangelist sodann den Weg des an Gnade reichen Jesus nach (vgl. 2. Kor. 8,9). Sein Reichtum besteht in der Zuneigung, sich auf den Weg zu den vulnerablen, an seelischem und körperlichem Elend erstickenden Menschen zu machen.

 

Reichtum verpflichtet

Mit „überreicher Gnade“ (Basisbibel) verschenkt Jesus sich selber und übt darin seine passionierte Fähigkeit zur Selbsthingabe aus. Was immer Menschen erleiden müssen: Jesu identifiziert sich mit den zweifelnden und verzweifelten, trostlosen und ungetrösteten Menschen. Als das Lebenslicht bricht er durch die Finsternis (EG 74,1). Reichtum verpflichtet: Der für alle Reiche verpflichtet sich denen, die ihr Vertrauen auf ihn setzen. Irdisch gesehen ist Reichtum ein flüchtiges Gut. Doch Jesus ist reich für alle und für alle Zeiten. Die ihm vertrauen, sind reich in ihm – ein Heilmittel gegen alle Selbstbezüglichkeit. An seinem Reichtum haben alle – und nicht nur eine Frömmigkeitselite – weltumspannend teil.

 

Den Unsichtbaren erkennen

Mose hat eingeschärft: Macht euch kein Bild von Gott! (Ex. 20,4; 32). Der Evangelist bekräftigt das, indem er der Nichtdarstellbarkeit Gottes dessen Unsichtbarkeit an die Seite stellt (vgl. Ex. 33,20; 1. Tim. 6,16). Der Wunsch, ihn zu sehen, wird enttäuscht – und verwandelt. Durch Jesu Verkündigung leuchtet Gott im Wortsinn ein. Später wird in seinen Abschieds- bzw. Zukunftsreden davon die Rede sein, dass der „Paraklet“ als Geist der Wahrheit der Tröster ist, um an Jesu Worte zu erinnern und als „Lebendigmacher“ die Gegenwart Gottes bzw. Jesu Christi zu verbürgen (Joh. 14-16). Geistesgegenwärtig ist Gott am Werk und gibt sich durch Jesus und seinen Geist zu erkennen. So gesehen ist der Wunsch, dass Gott sichtbar, erkennbar und in seinem Handeln ins Leben tritt, erfüllbar. Ein himmelsoffener Glaube hat genug Gelegenheiten, Gottes Gegenwart im noch jungen Jahr zu entdecken. Der Gottesdienst an Epiphanias soll Lust darauf machen und dazu ermutigen, der hingebungsvollen Gnade und der authentischen Wahrheit den Vorrang zu geben. Denn das Verlogene und das Gnadenlose haben schon einen übergroßen Raum.

 

Matthias Freudenberg

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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