Erfahrenes erzählen

Ein Paukenschlag zu Beginn

Am Beginn eines Briefs ein euphorischer Auftakt! Nicht die üblichen Grußformeln, sondern gleich ein Paukenschlag. Dieses im Lesen und Vorlesen schwierige Satzgebilde lässt sich auflösen in eine atemberaubende Aussage: Was von Anfang an / beim Vater war, ist erschienen / wurde offenbar; das haben wir gehört, gesehen, geschaut, berührt, und das bezeugen / verkünden / schreiben wir, damit ihr mit uns Gemeinschaft habt, damit unsere Freude vollkommen sei.

Was beginnt mit diesem feierlichen Prolog? Auf welche Schiene lockt er den Leser und Hörer? 1. Joh. 2,18ff lässt die Situation ahnen, in die hinein dieses Schreiben verfasst wurde: es hat eine tiefgreifende Spaltung gegeben, so grundsätzlich, dass diejenigen, die die Gemeinde(n) verlassen haben, in die Bewegung des „Antichristen“ eingereiht werden. 4:1-3 lässt eine inhaltliche Auseinandersetzung ahnen. Jetzt ist der Bruch vollzogen und die Adressaten sollen sicher sein, dass ihre Lehre, ihre Erfahrung und ihre Zugehörigkeit richtig sind.

 

Einer grundlegenden Erfahrung trauen

Während 4,1-3 auffordert und anleitet, Propheten und ihre Geister an einem klaren inhaltlichen Kriterium zu unterscheiden, lädt der Prolog dazu ein, einer grundlegenden Erfahrung zu trauen. Das ist mutig angesichts der Auseinandersetzungen innerhalb des joh. Christentums, bei der offenbar auch die jetzt Ausgegrenzten sich auf Geistunmittelbarkeit berufen haben. Aber sowenig der Verfasser bereit ist, inhaltliche Kompromisse einzugehen, so wenig ist er bereit, die Geistunmittelbarkeit einer Autorität zu unterstellen.

Was offenbart wurde, haben wir gehört, gesehen, geschaut, berührt – und verkünden es … Gerade, weil Verfasser und Erstempfänger dieses Schreibens längst nicht mehr zur Generation der Zeitgenossen des Jesus von Nazareth gehören, ist es so spannend, was hier beansprucht wird. Vier verschiedene Verben der sinnlichen Wahrnehmung beschreiben wohl das, was wir heute „persönliche Erfahrung“ nennen würden. Hier passt der unendlich oft zitierte Satz von Karl Rahner, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sein wird – oder gar nicht mehr sein wird.

Der Christ ist also einer, der etwas erlebt hat, gehört, gesehen, geradezu handgreiflich erfahren. Nicht das Für-richtig-Halten einer Aussage, das argumentative Verteidigen einer Lehre, nicht das Aufreiben im Dienst von Kirche und Diakonie etc. macht den „Christen“. Nicht das ist Gegenstand des Zeugnisses. Bezeugen und verkündigen kann nur, wer selbst erfahren hat. Und aus solchem Bezeugen erwächst Gemeinschaft, weil dieses Bezeugen den anderen hineinlockt und -zieht in diese Gottes- und Menschengemeinschaft.

 

Gegenseitiges Bezeugen

Verkündigen sollte nicht enggeführt werden auf Predigt und Gottesdienst. Es wäre eine Überforderung für jeden „Amtsträger“, permanent seine eigene Glaubenserfahrung zu Markte tragen zu sollen. Vielleicht nicht nur aus Gründen der sprachlichen Varianz steht das Verkündigen parallel zum Bezeugen und außerdem setzt der Verfasser des 1. Joh, die Verben in die 1. Person Plural: wir! Zeugnis zu geben vom Erfahrenen ist allen möglich und es erzeugt Gemeinschaft und – Freude! Es ist gerade die Gottunmittelbarkeit in der Erfahrung, die teilbar, mitteilbar ist und für den anderen ein Weg zur eigenen Gotteserfahrung sein kann. V. 3 beschreibt dies.

Wenn wir einander davon erzählen und auf einer tiefen Ebene zuhören, geschieht Gottesbegegnung – das ist eine große Verheißung! Jeder hat seine Geschichte, seinen Weg, seine Begegnung, um etwas vom Wort des Lebens (V. 1) zu berühren. Jeder kann mit der lebendigen Erfahrung im Herzen unter den Menschen gegenwärtig sein und so selbst ein Ort der Gottesbegegnung sein.

Könnte eine Predigt dazu einladen, Räume der Gottesbegegnung zu schaffen und die Erfahrungen zu bezeugen? Es wäre die Einladung an die Gemeinde, nicht nur Konsument einer professionellen Verkündigung zu sein, sondern den eigenen Glauben als Erfahrungsraum zu begreifen und seine Schätze zu teilen. So könnte sich das Weihnachtswunder, dass etwas vom Wort des Lebens berührbar geworden ist, wieder und wieder ereignen und die Gemeinschaft der Menschen ­lebendig sein.

 

Dörte Kraft

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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