Imitatio Dei

Vorüberlegungen

„Ein Häuflein klein“ wird sich an diesem Neujahrsmorgen in der Kirche versammeln. Mit entsprechenden Ritualen wurde das alte Jahr in der Nacht verabschiedet. Das erzählte Jahr wird von Schicksalen, Corona, Wahlen und von kleinen und großen kleinen Freiheiten gehandelt haben. Die Kasualie Neujahr fordert besonders heraus, der Gemütslage der Versammelten nachzugehen, und ich vermute, dass es sich um den starken Wunsch nach Trost, Zuspruch und Vergewisserung handelt – oder um in der Sprache von EG 249 weiterzufahren: „Tröste dich nur, dass deine Sach ist Gottes.“

 

Zum Text

Das Buch der Sprüche beinhaltet sieben verschiedene Abschnitte. Als Gliederung wird angenommen, dass es sich bei 10,1-22,16, um 375 Einzelsprüche handelt und zwei in sich weiter strukturierte Teilsammlungen: 10,1-15,32(33); 16,1-22,16. Im Gegensatz zu anderen Abschnitten ist in Kap. 16 eine gewisse inhaltliche Zuordnung möglich: Bis auf V. 8 handelt es sich um JHWH-Sprüche, das kann zu einer ersten Akzentuierung hinsichtlich der Predigt führen. Das die Weisheit des AT durchdringende Prinzip ist die „Gottesfurcht“, also das „Vertrauen in die lebensförderliche Mächtigkeit eines guten Gottes“ als ein „Prinzip, das zur Weisheit führt und zum Tun des weisheitlichen Lebenswissens motiviert“ (Zenger, 292). Die Sprüche sind Zeugnisse eines gelebten und erinnerten jüdischen Glaubens an den Gott, der uns Menschen zugesagt hat, dass er da ist und da sein wird.

 

Zur Predigt

Weniger ist Mehr an diesem Feiertag! Deshalb werde ich mich auf eine Auswahl der Verse konzentrieren. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die sich zu einer Thematik „verdichten“ lassen: z.B. V. 5-7, oder auch nur V. 9. Ich entscheide mich für V. 1-4+9. Damit möchte ich einerseits den schöpfungstheologischen Aspekt dieses Buches aufgreifen und andererseits die Hörenden zu einem „spirituellen Weg“ einladen, der die Bewegung einer „imitatio Dei“ aufgreift: und zwar als ein Weg, der Freiheit(!) eröffnet.

Gott nachzuahmen, meint nicht, Gott spielen oder über andere herrschen zu wollen, im Gegenteil, es meint ganz bescheiden, Mensch zu werden, menschlich im wörtlichen Sinne; ein Mensch, der in Resonanz zu anderen Menschen steht, weil er im „Resonanzraum Gottes“ lebt (vgl. H. Rosa). Dies möchte ich im Sinne M. Bubers als Gegenseitigkeit zwischen Gott und Mensch aufgreifen. „Dass du Gott brauchst, mehr als alles, weißt du allezeit in deinem Herzen. Aber nicht auch, dass Gott dich braucht? Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich zu eben dem, was der Sinn des Lebens ist“ (Buber, 133 u. 153).

 

Stichworte

1. Die beliebten „guten Vorsätze“ für das neue Jahr können ein möglicher Predigteinstieg sein. Was haben wir uns in all den Jahren nicht schon alles vorgenommen. Und dann? Wie sehr mühten wir uns manchmal im Festhalten unserer Ziele. Wir zermürbten uns in der Angst vor einem Scheitern und waren verzweifelt, wenn alles ganz anders kam.

2. Werde ich einladen, sich an erlebte Situationen zu erinnern, in denen schließlich das Loslassen eigener Wünsche und Vorstellungen eine wunderbare Befreiung bedeuteten. Wir können nur begrenzt unser Leben planen, „machen“ oder etwas im Voraus wissen.

3. Wenn wir all das loslassen, dann kann es sein, dass wir staunen über den Plan, der in unserem Leben aufleuchtet. Ich möchte aber auch nicht ausklammern, dass dieser Weg immer und immer wieder neu von uns versucht werden muss. Nicht umsonst übersetzt Buber V. 3: „Wälze IHM zu deine Taten und aufgerichtet werden deine Pläne“ (vgl. auch Ps. 37,5). „Ab-Wälzen“ ist ein mühevoller Vorgang – oft genug sind mehrere Anläufe notwendig. Schmerzen, Leid und Trauer bleiben uns dabei nicht erspart, aber es gibt einen Weg hindurch und dann spüren wir auf einmal, dass es gut ist, so wie es kam und wie es ist. Dann können wir vielleicht einstimmen in den Taizégesang, der ein Gebet von D. Bonhoeffer aufnimmt (nach der Predigt?):

Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu dir
Bei dir ist das Licht, du vergisst mich nicht
Bei dir ist die Hilfe, bei dir ist die Geduld
Ich verstehe deine Wege nicht
Aber du weißt jetzt den Weg für mich.

 

Literatur

Buber, M.: Ich und Du (1932), in: Werke, Bd. 1, München/Heidelberg 1962

Rosa, H.: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Berlin 2016

Zenger, E. u.a.: Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart1998

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/dasbibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/sprueche-salomos/ch/be16ff8b99e26294016f093d24cd938d/

 

Ursula Ziehfuss

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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