Nichts ist einfach …“1

I

Die Perikope ist mt. Sondergut und Teil des großen Gleichniskapitels Mt. 13, das – wie die übrigen großen Reden bei Mt. (Kap. 5-7.10.18.24f) „kunstvoll komponiert“ (Konradt2, 208) ist. Sie wurde mit der Deutung in den V. 36-43 wohl als eine „kritische Variante zum Gleichnis von der selbstwachsenden Saat [Mk 4,26-29] gebildet“ (Konradt, 218). Das ist zu beachten und zu bedenken!

Die Hörer dieser Reden sind die Jünger und das Volk, also Kirche und Welt. Von unserer Perikope her: Diese beiden Gruppen lassen sich nicht trennen (noch offensichtlicher Mt. 25,31-46). Denn die Wurzeln des Unkrauts können mit denen des Weizens verbunden sein (V. 29). Die reine, vollkommene Gemeinde schon jetzt ist eine ganz unfromme, unheilige, lebensfeindliche Fiktion! Im politischen wie auch im kirchlichen Bereich wecken Säuberungsaktionen sehr ungute Erinnerungen. Man muss also „mit Zweideutigkeiten und der schwer aufzulösenden Verflechtung von Gutem und Bösem leben … Darum ist es wichtig, Geduld zu haben …“3 so Schlatter 1948 – nach der Desavouierung des Nazismus! – in seinem großen Mt.-Kommentar: „Vorerst dauert der gemischte Zustand der Gemeinde fort.“ (442) Man ergänze: und oft in der kleinen und großen Welt.

 

II

Bedeutet all‘ dies ein anything goes? Dass alles grenzenlos ins Kraut schießt? Dass man die Dinge einfach laufen lässt? Von Mt. her ein klares Nein. Es „gibt ein Verhalten, das die Gemeinde nicht dulden darf, sondern mit Gemeindeausschluss zu beantworten hat.“ (Konradt, 14, umgest.; man lese unbedingt auch die folgende Seite)

Zum Beschluss und zum Trost: Was Jesus sagt/e, gilt allen: Petrus wie Judas, der christlichen Gemeinde, den Glaubenden wie auch den scheinbar Ungläubigen. Es ist ein Hinüber und Herüber. Noch ist alles im Fluss, nichts endgültig. Helles, Dunkles – und Graues, oft gleichzeitig, selbst innerhalb der Kirche. Gerade in protestantischen Kirchen sollte Luther gelten: „Das christliche Leben ist nicht Frommsein, sondern Frommwerden, nicht Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht Sein, sondern ein Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende …“ (WA 7,336)

Von daher dürfte der Silvestergottesdienst nicht so sehr rückschauenden, bilanzierenden Charakter tragen, sondern mehr im Sinne eines bedächtigen procedere zu gestalten sein.

 

Anmerkungen

1 Der Psychoanalytiker Thomas Auchter wurde von einem Leser gefragt: „Warum gibt es in uns den Wunsch, alles in Gut und Böse einzuteilen?“ In seiner Antwort sagte er u.a. diesen Satz: „Nichts ist einfach. Nicht die Welt, nicht die Menschen, nicht die Wirklichkeit.“ (ZEIT-Magazin 22.7.2021, 38) Über dem Schreibtisch Marcuses hing sein Lebensmotto: „Es ist immer komplizierter.“

2 Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus (NTD), Göttingen 2015.

3 Walter Klaiber: Das Matthäusevangelium I, Göttingen 2015, 274. Zum allgegenwärtigen Bösen und zu seiner Macht vgl. die transdisziplinären Studien von Knut Berner: Behausungen des Bösen. Epi-Genese, Thanatologie, Ästhetik, Anthropologie, Berlin 2013. S. auch besonders Arnold Angenendt: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte …“. Toleranz in der Geschichte des Christentums (2018).

 

Gerhard Maier

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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