Gottes Vorliebe für die Kleinen und Schwachen

I Biblische Kontexte

Jesaja hat den Auftrag, König Ahas angesichts der heranziehenden Heere seiner Feinde die Ratschläge Jahwes zu überbringen. Dieser zeigt sich jedoch nicht geneigt, darauf zu hören. Daraufhin macht – und damit setzt unsere Perikope ein – Gott selbst ihm das Angebot, ein Zeichen zu fordern. Aber auch darauf reagiert Ahas ablehnend, wohl weniger aus allzu großer Ehrfurcht, wie er vorgibt, sondern eher deshalb, weil er fürchtet, dass die Ratschläge Gottes nicht in die eigene Strategie passen könnten.

Nun meldet sich Jesaja in V. 13 erneut zu Wort und zwar mit dem doppelten Vorwurf, Ahas und mit ihm die Führenden im Land machten nicht nur die Menschen müde, sondern auch Gott. Sodann folgt in V. 14 die Ansage: Da Ahas keines verlangt, gibt Gott ihm von sich aus ein Zeichen: „Siehe, eine Jungfrau/junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Diesen Vers hat die Gemeinde am 2. Weihnachtstag schon einmal gehört. Denn nach der neuen Perikopenordnung wird als Evangelium an diesem Tag Mt. 1,18-25 gelesen. Das in V. 23 enthaltene Zitat aus Jes. 7,14 ist wohl die Begründung für die geänderte Festlegung der Perikope als atl. Lesung.

Bevor zu fragen ist, was der Text für uns heute bedeuten kann, wäre also zu bedenken, welcher Art – über die zeitliche und theologische Spanne von 800 Jahren hinweg – die Beziehung dieses Textes aus dem 8. Jh. v. Chr. zur Zitation im Text des Mt. ist.

Die Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges mit der Einführung der Tributpflichtigkeit gegenüber Assur und die Regentschaft des Ahas, eines der erbärmlichsten unter den Nachkommen Davids, mag geschichtsbewussten Menschen des ersten Jahrhunderts Anlass zu Vergleichen gegeben haben; denn auch sie erlebten Bedrängung, in ihrer Zeit durch die Römer, den drohenden Verlust des letzten Restes an Eigenstaatlichkeit, auf die Mt. schon zurückblickt, und die Ungerechtigkeit und Unfähigkeit der königlichen Herrscher, die weniger von Gottes als von Roms Gnaden regierten. So findet Mt. für seine Geburtsgeschichte in Jes. 7,14 die passende Vorlage, um Jesus/Immanuel als den schon im AT geweissagten Messias zu verkünden.

Bei der ursprünglichen Ankündigung des Zeichens ist der Zeithorizont allerdings überschaubar kurz angelegt: der Knabe wird, wenn er groß genug ist, „Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen“, das Ende des Nordreichs erlebt haben. Auch sonst gibt es über ihn wenig zu sagen, wenn man davon absieht, dass er mit Butter und Honig großgezogen werden wird. Insgesamt haben wir es in Jes. 7 mit – wenig weihnachtlicher – Gerichtsprophetie zu tun.

 

II Predigthorizonte

Was bleibt? Wenn man von der Prophetie des AT her predigen will, könnte man – was ich auch für legitim halte – großzügig Anleihen aus den Prophezeiungen in 9,1-6 und 11,1-9 aufnehmen; letztere war die bisherige atl. Lesung für den Tag. Ich plädiere jedoch, um beim Text zu bleiben, für einen Zugang über das Zeichen des Kindes und seinen Namen. Dann ließe sich deutlich machen, dass Gott eine schier unglaubliche Treue zu seinem Volk (im AT) und zu seinen Menschen insgesamt, wie wir heute das verstehen dürfen, zeigt.

Darüber hinaus ließe sich darstellen, dass Gott seine Pläne oft gerade nicht mit den Großen und Mächtigen verfolgt (wenn er sie auch gelegentlich als strafendes Werkzeug benutzt), sondern in seiner andauernden Vorliebe für die Kleinen und Schwachen auch Kinder und Machtlose zu großem beruft. (Ob auch ein Schulmädchen mit Pappschild, das mehr bewirkt als viele Politiker, als ein solches Zeichen gesehen werden kann, mag offen bleiben.)

So sind die Namen Jesus („Gott rettet“) und Immanuel („Gott mit uns“) programmatische Namen, die der oft so unbegreifliche „Ich bin, der ich sein werde“ verleiht. Darüber lässt dann wohl doch weihnachtlich predigen.

 

Dietrich Lauter

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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