Kinder Gottes

Kinder

„Wer ein Kind sieht, begegnet Gott auf frischer Tat“ – soll Martin Luther gesagt haben. Kinder öffnen die Herzen. Gerade nach der glücklichen Geburt ihrer Kinder spüren Eltern: Hier ist Größeres im Spiel, hier kommt uns Gott ganz nahe. Weil Gott Mensch wird in einem Kind, ist Weihnachten das beliebteste Fest.

Wer ein Kind sieht, stellt manchmal intuitiv die Verbindung zur Herkunftsfamilie her: Wem sieht es eigentlich ähnlich? Kommt es mehr nach der Mutter oder mehr nach dem Vater? In welche Richtung wird es sich einmal entwickeln?

 

Wir sind Kinder Gottes

Am ersten Weihnachtsfeiertag wird die Geburt Christi im Licht des Joh. gedeutet. In dichter theologischer Sprache kommt im Prolog des Evangeliums zum Ausdruck: Christus ist das Leben schaffende Wort Gottes. Wer Jesus aufnimmt und an seinen Namen glaubt, wird zum Kind Gottes und ist aus Gott gezeugt (Joh. 1,12f). Glauben heißt in joh. Sprache, neu geboren zu sein (Joh. 3,3-8). Diesen Gedanken greift 1. Joh. 3 in großer Nähe zum Evangelium auf und vertieft den neuen Status der Christen: Wir sind Kinder Gottes. Der Fokus liegt damit nicht auf der Menschwerdung Gottes, sondern auf den Folgen. Wer Christus aufnimmt, gehört zur Gemeinschaft der Kinder ­Gottes.

 

Seht!

Und doch: Was es an Weihnachten mit der Kindschaft wirklich auf sich hat, ist noch verborgen – im Kleinen, im Alltäglichen, im Unscheinbaren, im Geheimnis. Als Christus in die Welt kam, blieb der Welt das verschlossen (Joh. 1,10). Analoges erleben die Christen. Gottes Handeln fällt nicht gleich ins Auge oder ist für alle Welt offenbar: „Darum kennt uns auch die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht“ (1. Joh. 3,1). Nur für die Augen des Glaubens, nur für die Glaubenden wird sichtbar, dass der Retter der Welt geboren ist und welche umfassenden Folgen das hat.

Deshalb gibt der Briefschreiber „Sehhilfen“, das unermessliche Geschenk der Gotteskindschaft zu erfassen. Die Stichworte „sehen, wie der himmlische Vater ist“, „sehen, wer wir sind“, „offenbar werden“ in 1. Joh. 3,1-2 sind dem Schauen zugeordnet und ein Beispiel für eine ästhetische Theologie der Bibel.1

 

Was bedeutet es, „Kind Gottes“ zu sein?

1. „Kind Gottes – das ist eine Auszeichnung, an der Gott liegt und die er selber schenkt. Gott hat gerne viele Kinder.“2 Christen dürfen wissen: Ich gehöre zu Christus, ich bin neu geboren, ich bin Kind des himmlischen Vaters. Diese Zusage Gottes ist nicht von unseren Gefühlen und unserem Verhalten abhängig. In diesem Ehrentitel zeigt sich die umfassende Liebe des Vaters (1. Joh. 3,1).

2. Ein Kind Gottes gehört zu einer Familie. Der Briefschreiber formuliert bewusst im biblischen Plural: Wir sind kein Einzelkind, sondern Gottes Kinder. Wer Christus im Glauben aufgenommen hat, wird Teil einer neuen Familie. Sie oder er ist nicht mehr allein. In die Familie Gottes wird man hineingeboren und findet viele Geschwister an seiner Seite vor.

3. Kinder Gottes sind auf dem Weg. Kinder sind auf ihre Eltern angewiesen. Als Kinder Gottes kommen wir bis ans Ende unseres Lebens über diese Angewiesenheit nicht hinaus – und müssen es auch nicht. Erst in Zukunft werden die Kinder Gottes erkennbar sein. Noch ist nicht sichtbar, was wir am Ende sein werden.

4. Kinder Gottes werden einmal Gott gleich sein. Normalerweise sind zwischen Eltern und Kindern Ähnlichkeiten erkennbar. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt die Redensart. Wem sehen wir in der Vollendung ähnlich? Dem himmlischen Vater!

 

Anmerkungen

1 Klaus Berger, Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloh 2. Aufl. 2012, 955f.

2 Hier und im Folgenden schließe ich mich an die Gedanken von Ulrich Laepple an, in: Ulrich Laepple (Hg.) in Verbindung mit Hartmut Bärend und Wolfgang Neuser, Biblisches Wörterbuch, Witten 2. Aufl. 2014, 324f.

 

Albrecht Schödl

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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