Heraus aus der Harmonie – hinein in die Welt!

Glückselige Christnacht?

Wenn ich an Gottesdienste in der Christnacht denke, denke ich an romantischen Kerzenschein- und duft, an schöne Weihnachtsmusik und ein wohliges, harmonisches Gefühl.

Wer sitzt da im Kirchenschiff in der Christnacht? Die einen mit vollem Bauch vom Weihnachtsessen, erfreut über die Geschenke oder aufgewühlt von Familien- oder Paarstreitigkeiten. Die anderen kommen allein, haben mit niemandem gefeiert – für sie ist die Christnacht das erste gemeinschaftliche Ereignis an diesem Tag.

Trotz der harmonischen Atmosphäre in der Kirche und an Weihnachten allgemein werden es die meisten spüren: Weihnachten ist zwar heute ganz nah und wir feiern, dass Gott als Mensch zu uns gekommen ist, doch die endgültige Erlösung ist noch fern. In der Welt treffen wir auf Anforderungen, die uns das Noch-nicht der Erlösung aufzeigen – auch wenn mit der Christnacht eigentlich das Schon-jetzt im Fokus steht.

 

Aus Gnade Gutes handeln

In der Spannung des Noch-nicht und Schon-jetzt befinden sich auch die Gemeinden auf Kreta, deren Ältesten Titus erklären soll, wie sie christliche Gemeinden leiten sollen. In der hellenistischen Umwelt gibt es einerseits ein großes Bewusst­sein für ethisches Handeln und zugleich viele Beispiele an „gottloser“ Lebens­führung.

Die christliche Ethik, die im Titusbrief entfaltet wird, soll bestimmten ideellen Vorstellungen entsprechen: Christ*innen sollen sich von menschlichen Begierden lossagen, damit sie besonnen, gerecht und fromm leben können (V. 12). In Tit. 2 wird allerdings vorangestellt, dass die Gnade Gottes das tugendhafte Handeln erst ermöglicht, sie heilt und befähigt (V. 11). Es geht also nicht um Werkgerechtigkeit, sondern um tugendhaftes Handeln aus der Gnade Gottes. Diese ermöglicht allen Menschen die Rettung, auch den unbeschnittenen.

Gottes Gnade ist in Jesus Christus konkret und geschichtlich offenbart worden. Darum steht ein welt- und geschichtsverneinender Rückzug christlicher Gemeinden im Widerspruch zur Offenbarung Gottes – auch wenn das Wiedererscheinen „der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus“ noch aussteht (V. 13). Bis dahin wird – so die Zusage des Titusbriefs – die Gemeinde Christi, die Gott als „reines Volk“ erschaffen hat, sowohl innerhalb der Gemeinde als auch ihrer Umwelt Gutes tun (V. 14).

 

Ihr seid das Licht der Welt

Die Spannung des Schon-jetzt und Noch-nicht des Titustextes betrifft schließlich nicht nur die Gemeinde des Titus, sondern auch die Weihnachtsgemeinden 2021 hierzulande. „Tragt in die Welt nun ein Licht!“ Auch wir als Christinnen und Nachfolger Jesu sind aufgefordert, Gutes zu tun. Was es für uns bedeutet, sich von menschlichen Begierden loszusagen, damit wir unser Licht besonnen, gerecht und fromm in die Welt tragen können, gilt es immer wieder neu zu buchstabieren. Was sind die menschlichen Begierden unserer Zeit? An welchem irdischen Gut hängt mein Herz? Von welcher materiellen Gier komme ich nicht los?

Die Botschaft, sich von menschlichen Begierden loszusagen, steht gewiss in einem Kontrast zu den vollen Bäuchen im Kirchenschiff (und auf der Kanzel) und den Geschenkebergen unter den Weihnachtsbäumen in den Häusern der Gemeindeglieder. Wieder einmal steht unsere ökonomisierte Wirklichkeit dem zarten und kraftvollen Neugeborenen im Stall gegenüber, in der sich die Gnade Gottes geschichtlich konkretisiert hat.

Wie können wir angesichts der Weihnachtsbotschaft besonnen, gerecht und fromm leben? Wie leben wir so, dass es uns selbst, unserer Mitwelt und unseren Mitmenschen gut tut? Ein Anfang ist gemacht, wenn wir uns trauen, unser Licht nicht unter einen Scheffel zu stellen, sondern darauf aus sind, Gutes zu tun. Denn der Predigttext erinnert uns im Kerzenschein tröstend daran, dass wir selbst das Licht der Welt sind.

„Tragt in die Welt nun ein Licht!“ Tut Gutes in der Welt und seid gnädig zu euch selbst, wie Gott es ist.

 

Literatur

Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. XI/2: „Die Pastoralbriefe“, Dritte Folge: Kommentar zum Titusbrief. Auslegung von Lorenz Oberlinner, Freiburg i.Br. 1996

Biblische Gestalten. Hermann von Lips: Timotheus und Titus. Unterwegs mit Paulus, Leipzig 2008

 

Astrid Edel

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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