Michas Bethlehem – ein Wahrheitsraum

Paradiesischer Frieden – Pandemische Zeiten – Weihnachtliche Aussichten

Welche Chancen hat ein unbekanntes Dorf utopischer Ideale gegen die namhaften Städte realen Unfriedens? Der Frieden der Welt kriecht aus einem kleinen Nest, während der Mensch in der Welt viraler Geschwindigkeiten kaum mithalten kann. Alt-neu herausfordernd ist, an Heiligabend über einen übersichtlichen Ort und einen ebensolchen kleinen Propheten zu predigen, den Juden, Christinnen und Muslime zwar kennen, aber nicht die Vielfalt der Weihnachtshörerinnen. Die altorientalischen Anklänge zu Micha (über den jüdischen Erzengel Michael) und zur Bedeutung Bethlehems samt seiner lk.-ntl. Fortsetzung sind ein eher fremder Deutungshintergrund; auch der lesbare Luthertext kann fremd wirken. Wer es hörbarer mag, wählt vielleicht die Übersetzung der Basisbibel; an diesem Heiligen Abend 2021 nach einem weiteren Jahr, in dem große wirklich weltweite Lösungen pandemisch („alles Volk umfassend“) nicht wirklich in Sichtweite sind.

Sind es die fertigen Lösungen, Antworten und Bekenntnisse, die „weihnachtschristlich“ gesucht werden? Wird es die Betonung der „o du fröhlichen“ Tradition sein, die heilig hervorrufen will, damit die Weltsorgen einen Moment stillschweigen und starr ruhen? Werden es die koalierten Zukunftsperspektiven sein, die Menschen prophetisch in sich oder vor sich her tragen? Werden mit Micha Menschen herausgerufen, die – in oder trotz manch weihnachtlicher Stimmung – aus sich herausgehen und in Familie, Beruf und Welt weihnachtliche Wahrheit zur Sprache bringen werden und was wird das für die Menschen sein?

 

Wer ist für mich (wie) Gott?

Mit dem Name Micha(ja) („Wer ist wie Gott“) könnte mehr der Prozess der Wahrheitsfrage als Weihnachtsfrage schlechthin stehen bleiben: Wer ist für mich (wie) Gott? Wo wird bei mir Weihnachten und wodurch dieser Abend heilig? Braucht es das familiale und das singuläre und das politisch-gesellschaftliche in einem Raum?

Gegenüber der vermeintlich-weihnachtlich naheliegenden Antwort („Christus ist wie Gott“) lenkt die Perikope bzw. die Frage, die stehenbleibt, den Blick auf die homiletische Kunst, wie an Heilig Abend über einen atl. Text zu predigen ist. Je nach Haltung, um der erfüllten Verheißung oder der verheißenen Erfüllung Raum zu geben, wird gepredigt. Die Kunst mag sein, die Gegenwart Gottes im Lichte dieses biblischen Textes zur Sprache zu bringen und „mit ohne“ Christus im „Wahrheitsraum“ (J. Ebach) des Textes bzw. Ortes Bethlehem zu sein, denn aus dieser Stadt, aus diesem Text, aus der noch zu haltenden Predigt wird Weihnachten als Wahrheitsraum sich erschließen. Darum ruht der Blick auf ­„Michas“ Bethlehem.

 

Ein weihnachtlicher Spaziergang durch Bethlehem

Als sozialkritischer Prophet findet Michas davidischer Messias auf den ersten Blick die eine Antwort mit dem einen Ort und dem einen Sinn: Wer ist wie Gott? Der auf dem Zion Recht übt, Gutes liebt und mit Gott wandelt (Mi. 6). Ein weihnachtlicher Spaziergang in der Stadt Ruths und Davids, der mit jedem Schritt in dunkle Ecken familialer Abgründe, politische Winkelgassen und Hinterhofeinblicke führt. Ein nicht nur gemütlicher, familialer weihnachtlich-homiletischer Gang durch die Stadt, aus der Ruths Vorfahren wegen einer Hungersnot fliehen und in die sie als fremde Moabiterin mit ihrem außergewöhnlichen Familiensinn zurückkehren wird. Wie kein anderes biblisches Buch wählt das Buch Ruth die Frauenperspektive und wandelt auf anderen Wegen als die sonst biblisch eher männlich geprägte Sprache.

Weihnachten und unsere Familienbilder sind ein Motiv unserer Weihnachtstraditionen und sie sind biblisch immer mehr als nur familial. Familie ist Rückhalt und Regression, sie ist Gesellschaft und Politik. Ruth rückt nicht nur die Frau in die öffentliche Rolle, sondern auch das Thema Fremdsein zwischen Integrations- und Ausschlusstendenzen in dieser Stadt, dem „Haus des Brotes“ und „Haus des Kampfes“.

Das in der Archäologie als unbedeutendes Dorf am Rande politischen und wirtschaftlichen Geschehens beschriebene Bethlehem wird zum Wahrheitsraum singulärer Selbstfindung, familiensystemischer Vergewisserungen und gesellschaftlicher Gegenwartskrisen samt ihrer Aufbrüche nach Gerechtigkeit, Gutem und Göttlichem. Aus dem Hause Davids, dem umstrittenen König, wird trotz aller individueller Verfehlungen eine Fortsetzungsgeschichte geboren werden.

Ruth, die ausländische Urgroßmutter des messianisches Königs David, gestaltet ein Familiensystem, führt eine öffentliche Genderdiskussion. Sie leben in Michas Bethlehem als ein schwangerer Raum, in dem Weihnachten geboren werden kann. Ein Wahrheitsraum wird gespannt zwischen einmaligen Bildern, die ewig dauern, die groß-klein, städtisch-ländlich, individuell-familiales und gesellschaftlich sicher-bedrohtes skizzieren. Vielleicht skizziert die kurze Vesperpredigt diesen Raum, den Menschen schon mit dem Gang in die Weihnachtskirche betreten haben, und die selbst „auftritt in der Kraft des Herrn und in der Hoheit seines Namens“. Frohe Weihnachten!

 

Lars Hillebold

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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