Ave Maria – Begegnungen mit Maria

In meiner Dorfkirche in den Hamburger Marschlanden gibt es einen Schnitzaltar von 1614, in dessen rechtem Seitenflügel sich u.a. eine prächtige Darstellung des „englischen Grußes“ befindet: Der Engel Gabriel überbringt einer vornehm gekleideten Maria in herrschaftlichem Gemach die göttliche Botschaft von der bevorstehenden Geburt Jesu durch sie! Eine auch sonst vielfach bekannte Darstellung der Ankündigung der Geburt Jesu! Wie anders, bescheidener begegnet uns Maria in den Versen des Lukas: Erschrocken über den Gruß und die göttliche Botschaft des Engels, aber am Ende als „Magd des Herrn“ und dem göttlichen Willen ergeben (V. 38).

Vor diesem Hintergrund und eine Woche vor dem Christfest und Weihnachten mit ihren vielfältigen, oft allzu bunten Erwartungen könnte die Predigt über die Lk.-Verse zu einer „Marienpredigt“ werden. Welcher andere Ort im Kirchenjahr wäre dafür geeigneter? Im Vergleich zu einer hochdifferenzierten Mariologie – oft jenseits jeden biblischen Bezuges – und volkstümlichen Marienfrömmigkeit unserer katholischen Schwesterkirche sowie einer sich daraus ableitenden, durchaus eindrucksvollen Aufnahme und Darstellung in bildender Kunst, kommt Maria in der evangelischen Kirche sehr viel seltener vor. Daran ändert auch nichts, dass wir in jedem sonntäglichen Gottesdienst im Credo bekennen: „geboren von der Jungfrau Maria“.

Maria im Zeugnis der Evangelien

Die Mutter Jesu wird in den einzelnen Evangelien, abgesehen vom Anfang des Lebens Jesu, nur an wenigen Stellen erwähnt und wenn, dann eher mit Vorbehalt und gewisser Zurückhaltung: z.B. dort, wo es um „Jesu wahre Verwandte“ (Lk. 8,19ff par.) geht, oder bei der Hochzeit zu Kana, als Maria Jesus auf den ausgegangenen Wein aufmerksam macht (Joh. 2,3ff). Nur Joh. erwähnt auch, dass bei der Kreuzigung Jesu seine Mutter beim Kreuz stand, und Jesus sie an seinen Lieblingsjünger als ihren zukünftigen Sohn verwies und diesen an Maria als seiner zukünftige Mutter.

Schließlich nennt Lukas Maria, die Mutter Jesu, und dessen Brüder noch einmal in der Apg. in der Gemeinschaft der Jünger und Frauen, die nach Ostern in Jerusalem alle einmütig am Gebet festhielten. Daraus lässt sich zugleich folgern, dass sie alle später ebenso Zeugen des Pfingstwunders geworden sind.

Maria als Zeugin des Gottvertrauens und christlichen Glaubens

Im Predigttext des 4. Advents wird Maria von dem göttlichen Boten, dem Engel Gabriel, „Begnadete“ genannt, weil sie von Gott die Gnade empfangen hat, Jesus zu gebären. Dessen künftige Bedeutung überliefert umfänglich die göttliche Botschaft (V. 31-33). Auf die zweifelnde Frage Marias, wie denn das alles zugehen könne, erhält sie die Antwort: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Sie reagiert darauf mit den Worten: „Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Diese Aussage ist im Blick auf Maria die entscheidende des ganzen Textes! Darin erweist sich Maria als die Gott vertrauende, sich seinem unendlichen Schöpferwillen hingebende Glaubenszeugin. Deshalb und dann natürlich durch die Geburt ihres Sohnes Jesus, Christus und Messias, gehört sie zur Wolke der Zeugen der biblischen Botschaft, ohne damit zur anbetungswürdigen „Heiligen“ geworden zu sein.

Aspekte der Predigt

Zur Predigt mit dem Blick auf Maria gehört schließlich das Zeugnis über Johannes, den Täufer, etwa in der Begegnung der beiden Mütter Elisabeth und Maria. Ihre erstaunlich ähnlichen, wundersamen Erfahrungen sind zugleich Teil der Vorgeschichte von Weihnachten und der ersten Wirksamkeit des Täufers und Jesu.

Dazu der eindrucksvolle Lobgesang der Maria, das Magnificat! Es nimmt einerseits noch einmal die Antwort Marias auf die Botschaft Gabriels auf. Gleichzeitig aber weist es, atl.-messianische Weissagungen aufnehmend, weit über die angekündigte Geburt Jesu hinaus in jene Zukunft des Reiches Gottes am Ende aller Zeiten, die sich für den Glauben mit dem Namen Jesu Christi verbinden.

Der Blick auf Maria, vor allem auf ihr persönliches Zeugnis, mag dabei gerade in der letzten Phase vor dem Weihnachtsfest der Vergegenwärtigung eines beispielhaften Glaubens und Gottvertrauens und der Vergewisserung unseres eigenen Glaubens dienen. Der Leitgedanke ist dabei nicht, an, sondern wie Maria zu glauben!

Das alles mag dann in die Losung des 4. Advents, Ps. 105,3, münden: „Es freue sich das Herz derer, die den Herrn ­suchen.“

 

Lied

EG 395, 1-3 „Vertraut den neuen Wegen…“

 

Hans-Jürgen Preuß

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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