Gottes Liebe entlastet

 

Bereitet dem HERRN den Weg

Es ist Advent. Ein turbulentes Jahr geht zuende. Der Advent ist vermutlich wieder geschäftiger als letztes Jahr. Zwischen allen Vorbereitungen muss auch noch der Gottesdienst für den 3. Advent vorbereitet haben – und dieser Text kommt so gar nicht adventlich daher.

Ich fühle mich angesprochen mit meinen Pfarrersorgen. Was denken die Leute über meine Arbeit? Die Kollegen, der Dekan? Es tut gut zu wissen: Einer ist mein Richter, und der liebt mich. Oft übersehen wir: Paulus war ein Ehrenamtlicher. Menschen, die am 3. Advent in die Kirche kommen, sind z.T. engagierte Mitarbeiter der Kirchengemeinde.

Einige Begriffe in V. 1 lohnen die exegetische Betrachtung:

„Uns“ weist zurück auf die Lehrer der Gemeinde, die in Korinth gegeneinander ausgespielt werden. Was Paulus jetzt sagt, gilt nicht exklusiv für ihn, es gilt für jeden, der sich Gott zur Verfügung stellt.

„Diener“ würde ich lieber mit „Gehilfe“ übersetzen.1 Ein ungewöhnlicher Begriff, normalerweise schreibt Paulus doulos, „Sklave“ – hyperetes heißt zwar wörtlich „Hilfsruderer“, bezeichnet aber den Bevollmächtigten, Beauftragten, oft in einflussreicher Position und in der Regel einen Freien, nicht Leibeigenen.

„Haushalter“ ist Ökonom. Auf ihn bezieht sich die „sprichwortartige“2 Aussage in V. 2. Ein Herr vertraut ihm seine Güter an, damit er damit wirtschaftet (vgl. Mt. 25,14ff par).

„Geheimnisse“ bezieht sich auf Kap. 2: Das Wort vom Kreuz ist den Weisen verborgen, den einen ist es ein Ärgernis, den anderen eine Torheit. Im Advent: Das Wort vom Kreuz ist auch das Wort vom König in der Krippe.

Thema des Textes ist Verantwortung: Was ich tue, schaffe oder nicht schaffe, wird vielfach beurteilt, auch von uns selbst. Wir optimieren uns, damit wir bestehen. Mit allen unseren Gaben sind wir Haushalter der Gnade Gottes. Es ist gut zu wissen: Mein Beruf – als Lehrerin, als Schreiner, als Mutter, als Jungscharleiter – ist auch meine Berufung. Gott traut mir hier zu, an seiner Statt Gutes zu tun, für Menschen da zu sein, auch sie in das Geheimnis von Kreuz und Krippe einzuführen

 

denn siehe, der HERR kommt gewaltig

Meine Freiheit besteht in meiner Verantwortung vor Gott.3 Weil Gott Richter ist, ist mir das Urteil von Menschen „ein Geringes“. Und am Ende ist es ja Jesus Christus, der die Verantwortung trägt, und „dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.“ Was für ein positiver Blick auf das Jüngste Gericht: „Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.“

Stille suchen im Advent: In sich gehen, sich auf Werte besinnen, die innere Mitte neu buchstabieren. Das ist Religion, ein menschliches Grundbedürfnis.4 Oft mit schlechtem Gewissen: Zu wenig Zeit, zu wenig Stille, noch nicht alle Geschenke besorgt. Paulus sagt: Mein Gewissen ist befreit. Ich muss nicht vor mir selbst bestehen, sondern vor Gott, der für meine Unzulänglichkeit geradesteht. In den Weihnachtstagen suchen wir nach der Einheit mit uns selbst. Wenn wir den finden, der uns freispricht und begabt, ­Jesus, wenn wir in der Stille fragen, wer wir in der Welt sind, dann findet uns das Geheimnis Gottes und sagt uns zu: Du bist gewollt, geliebt, beauftragt. Das macht nicht ängstlich, sondern mutig, das macht nicht passiv, sondern aktiv, das überlastet nicht, sondern entspannt.

Ich möchte im Advent meiner Gemeinde vom Geheimnis Christi erzählen, dessen Blick auf uns so ermutigend ist. Für die Schüler, die nach dem Corona-Jahr jetzt im Schulaufgabenstress sind. Für die Senioren, denen daheim die Decke auf den Kopf fällt. Lass dir von niemandem einreden, du wärst ungenügend. Überlasse das Urteil der Liebe Gottes in Jesus Christus – in ihm findest du deine innere Einheit.

 

Lieder

EG 9 „Nun jauchzet all ihr Frommen“

EG 16 „Die Nacht ist vorgedrungen“

EG 82 „Wenn meine Sünd mich kränken“

EG 295 „Wohl denen die da wandeln“

EG (ELKB) 644 „Selig seid ihr“

Feiert Jesus“ I, 155: „Gott wurde arm für uns“

Kommt, atmet auf“, 0112: „Ihr sollt ein Segen sein“

Kommt, atmet auf“, 0124: „Tragt in die Welt nun ein Licht“

 

Anmerkungen

1 Vgl. K.H. Rengstorf: Art. υπηρετες κτλ (ThWNT 8, 530ff).

2 F. Lang: Korinther (NTD 7), 60.

3 Vgl. D. Bonhoeffer: Ethik (DBW 6), 256ff.

4 Vgl. Augustinus, De vera religione.

 

Otto Guggemoos

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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