Vom Reden zum Hören kommen

1. Da steht noch was aus

Mit der dunklen Jahreszeit rücken bedrängende Themen in den Mittelpunkt: persönliche und gesellschaftliche Notlagen, Vergänglichkeit, Ungerechtigkeit und Tod. Mit den dunklen Stunden und ihren Anfechtungen ist zugleich die uralte Sehnsucht nach Gottes Eingreifen und die Bitte um Hilfe verbunden: „Wann kommt das Reich Gottes?“, wird Jesus im Evangelium gefragt. Seine Antwort: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, greift eine Grundspannung des Glaubens auf (Lk. 17,20f). Mit Jesus Christus beginnt bereits, was in den Nöten der Zeit noch verborgen ist. Da steht noch was aus, worauf Glaubende hoffen dürfen!

Auch die Psalmbeter wissen um diese Spannung. In dunkler Stunde ist es not-wendend, sich an Gottes Güte zu erinnern und wieder um neuen Segen zu bitten. Über Ps. 85 in voller Länge zu predigen (der Eingangspsalm des Gottesdienstes ist verkürzt auf die Verse ab V. 9ff), bietet die Gelegenheit, Hoffnungsworte und die mitunter bedrückende Wirklichkeit zu verschränken.

2. Die Psalmen – eine Schule des Betens

Über Psalmen zu predigen ist ähnlich, wie über das Vaterunser zu sprechen. Es handelt sich um Modellgebete und Gebrauchstexte, die überliefert sind, um gebetet zu werden. Aufgabe der Predigt kann deshalb sein, zur Wiedergewinnung des Psalmbetens beizutragen.

„In vielen Kirchen werden sonntäglich oder sogar täglich die Psalmen im Wechsel gelesen oder gesungen. Diese Kirchen haben sich einen unermesslichen Reichtum bewahrt, denn nur im täglichen Gebrauch wächst man in jenes göttliche Gebetbuch hinein. Bei nur gelegentlichem Lesen sind uns diese Gebete zu übermächtig in Gedanken und Kraft, als dass wir uns nicht immer wieder zu leichterer Kost wendeten. Wer aber den Psalter ernstlich und regelmäßig zu beten angefangen hat, der wird den anderen, leichten, eigenen ‚andächtigen Gebetlein bald Urlaub geben und sagen: ach, es ist nicht der Saft, Kraft, Brunst und Feuer, die ich im Psalter finde, es schmeckt mir zu kalt und zu hart‘“ (Bonhoeffer im Anschluss an Luther).1

3. Erinnern – bitten – hören

Eine Gliederung von Ps. 85 hilft, einen betenden Dreischritt zu erfassen. Die Beter beginnen mit einem dankbaren Rückblick (V. 2-4): Gott hat in der Vergangenheit sein Volk befreit, ihm die Sünde vergeben und seinem Zorn keinen Raum mehr gegeben.

Allerdings – die Wirklichkeit sieht anders aus (V. 5-8). Deshalb ruft die Gemeinde Gott um Hilfe an. Sie appelliert an ihn, Ungnade und Zorn abzuwenden und Erquickung, Gnade und Heil zuzuwenden. Hier ist sie wieder – die typische Spannung des Glaubens, in dunkler Stunde an Gott festzuhalten, sich dankbar an früheren Segen zu erinnern und neu seine Hilfe zu suchen. Da steht noch was aus!

Der Bitte der Gemeinde antwortet ein Einzelner (V. 9-14). Bevor in schönen Bildern der Friede Gottes zugesprochen wird, hält der Beter fest, auf Gott hören zu wollen (V. 9). Hier wird eine wichtige Erfahrung des Betens angesprochen – beten ist viel mehr als das eigene Reden. Im besten Fall öffnet das Gebet für das Reden Gottes und komme ich vom Reden zum Hören. Nicht ich rede (mehr), sondern Gott redet und lässt von sich hören.

Sören Kierkegaard, ein reifer Beter, fasst exemplarisch die hörende Haltung des Betens in folgende Worte:
Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörender.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.
So ist es:
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt:
still werden und still sein und warten,
bis der Betende Gott hört.

 

Anmerkung

1 Zit. nach DBW 5, 115.

 

Albrecht Schödl

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.