Gesetz und Evangelium

Der Reformationstag fällt dieses Jahr auf einen Sonntag. Damit rückt die Predigtperikope dieses evangelischen Feiertags ins Zentrum eines sonntäglichen Gottesdienstes am Ende der Trinitatiszeit. Der Abschnitt aus Gal. kann als zum Kern reformatorischer Theologie und Frömmigkeit gehörend verstanden werden. Doch daneben hat er noch andere Kontexte, die bedenkenswert sind.

Der jüdische Kontext

Die Beschneidung ist das zentrale Initiationssymbol der Zugehörigkeit zum Judentum. Die frühe Christenheit hat es für Christusgläubige nichtjüdischer Herkunft nicht als verbindlich angenommen (vgl. die Entscheidung des sog. Apostelkonzils, Apg. 15; Gal. 2,1ff). Damit bleibt jüdische Identität gewahrt und von außen unangetastet. Umgekehrt darf die Ablehnung der Beschneidung aber nicht in zu einem antijudaistischen Gestus werden.

Der römische Kontext

Möglicherweise hatte die Übernahme der Beschneidung für die Christen in Galatien eine Schutzwirkung gegenüber dem römischen Kaiserkult: Juden konnten hiervon ausgenommen werden, und Christen konnten daher versucht sein, unter diesen Schutzmantel zu schlüpfen, um der Verfolgung durch römische Behörden zu entgehen (vgl. Brigitte Kahl1). Diese Interpretation kann eine allzu scharfe Gegenüberstellung von Gesetzes- und Christusfrömmigkeit relativieren, weil sie andere Motivationshintergründe freilegt.

Der paulinische Kontext

Paulus sieht sich durch das Ansinnen der Galater herausgefordert, weil er dahinter das Werk von sog. „Falschaposteln“ vermutet, die seine Gemeindearbeit vor Ort korrumpieren (vgl. Gal. 1,7). Er erkennt eine Gefährdung des von ihm verkündigten Evangeliums, wenn die darin erwirkte Freiheit durch neue Klauseln einer angeblich gerecht machenden Frömmigkeit wieder eingehegt wird. Für ihn ist die Beschneidungsfrage nur das i-Tüpfelchen, weil sich damit die Frage der Gesetzesfrömmigkeit insgesamt stellt: man kann nicht die Tora nur in der Beschneidungsfrage als autoritativ ansehen und alle anderen Gebote übergehen. Macht man aber die Tora insgesamt zum Maß göttlichen Heils oder seiner Gnade, so wird man Christus untreu.

Der reformatorische Kontext

Martin Luther2 spitzt diese Alternative zu: das Gesetz oder Christus – wobei es ihm weniger um das jüdische Gesetz geht als um jede Form der Selbstrechtfertigung durch Übungen, Zeremonien und Werke, die der Mensch leistet. Das macht er im Blick auf seine eigenen Erfahrungen im Kloster hinlänglich klar. Es geht ihm – und so, wie er Paulus versteht – auch nicht darum, derlei Praxis in Bausch und Bogen zu verwerfen; vielmehr kommt es auf den „Hauptgesichtspunkt“ an: Was immer der Mensch erfindet, um sich dadurch das Heil vor Gott verdienen zu wollen – er wird damit scheitern, und zwar schon vor seinem eigenen Gewissen, das sich auf diese Weise nicht ruhig stellen lässt. Der einzige Ausweg besteht darin, sich vom Zorn Gottes durch Christus freisprechen zu lassen.

Kontext 2021

Genau darin sehe ich einen Anknüpfungspunkt für unsere Zeit: An welchen Stellen sind wir es gewohnt, menschliches Leben hinsichtlich seiner Leistung zu bewerten – und was geht darüber verloren? Und umgekehrt: Wo können wir uns eine Lebenshaltung des dankbaren Empfangens bewahren – und was wird dadurch gewonnen? Im Blick auf mein Selbstbild, das Ermessen meiner Gaben und Grenzen, die Selbstzufriedenheit; im Blick auf die Beziehungen, die ich lebe, meine Erwartungen an andere, die Freiheit, die ich ihnen gewähre, meine Vergebungsbereitschaft; und im Blick auf die Frage aller Fragen: Wozu lebe ich eigentlich? Welchen Sinn erfüllt mein Dasein? Welchen anderen Sinn als mich geliebt zu wissen von Gott?

 

Anmerkungen

1 Brigitte Kahl, Juden, Muslime, Palästinenser. Ein Disput zwischen Martin Luther und Paulus, in: Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel (hrsg. von Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich), 2021.

2 D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief (hrsg. von Hermann Kleinknecht), Göttingen 1980, 274ff (zur Stelle).

 

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

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