Sehnsucht nach einer ehrlichen Kirche

Den Predigttext bilden die Schlussverse der sog. Aussendungsrede, in der der Verfasser des Mt. viele Gedanken zu Nachfolge und Sendung zusammenträgt. Noch dazu steht dieser Sonntag mit Wochenspruch und den Lesetexten unter einem eindrücklichen Thema. Aus dieser Fülle möchte ich drei Gedanken anreißen, letzteren in Verbindung mit dem Wochenthema.

Sein Kreuz tragen

Wie eine Zusammenfassung alles vorher Ausgeführten klingt in V. 38 die Aussage vom Aufnehmen des Kreuzes. Im Zusammenhang mit den zahlreichen genannten Widerständen, denen die Jünger und die Leser/Hörer des Evangeliums begegnen, liegt es nahe, das Kreuz als Leiden am Widerstand zu verstehen – analog zum Kreuz Jesu. Aber auch ein weiterer Gedanke ist möglich: Alle Evangelium sprechen hier vom je eigenen Kreuz, das es aufzunehmen, anzunehmen, zu tragen gilt. Ist es eine unzulässige Banalisierung, hier das „Kreuz“ einmal im übertragenen Sinne zu verstehen? Ich denke, das sollte nicht in einen Gegensatz geraten zur tatsächlichen Bedrohung, die eine Verfolgungssituation mit sich bringt. Aber dem sind Predigthörer in Deutschland heute kaum ausgesetzt; insofern darf m.E. der Gedanke ausprobiert werden.

Was wäre dann die Aussage? Die Ermutigung – oder Ermahnung – die Widernisse des Lebens als Teil des Weges mit Jesus zu begreifen. Wie das durchzubuchstabieren ist im Fall von Leid, Krankheit, Verlusten durch Katastrophen oder Gewalt, bedarf der Achtung und Sorgsamkeit! Aber kann es nicht auch ein Zuspruch sein, dass eben in dem, wie es ist, Gott mit hindurchgeht? Um des Christus willen, der auch seinen Leidensweg nicht abgebrochen hat, den eigenen Weg als die ganz eigene Nachfolge zu begreifen, ist eine Herausforderung.

Das Leben verlieren und finden

Die paradox klingende Aussage vom „Leben finden und verlieren“ in V. 39 findet sich der Spur nach in allen vier Evangelien und klingt wie eine Warnung. Die Warnung, nicht selbstmächtig nach dem zu greifen, was so vielversprechend aussieht. An dieser Stelle soll Dorothee Sölle1 zu Wort kommen, die das Spannungsverhältnis von Geben und Nehmen, Suchen und Finden und Verlieren so benennt:
Wenn du dein Leben verteilst, statt zu horten,
dann wird das große Licht in dir sichtbar.
Zwar gehst du in Einsamkeit hinein,
verlierst oft Freunde, einen Lebensstandard, einen Beruf oder eine sichere Karriere,
aber zugleich veränderst du dich ...
... Und du weißt auf einmal wo du hingehörst.
Das Leben zu wählen, heißt, das Kreuz zu umarmen.

... das Kreuz, die Schwierigkeiten, die Erfolglosigkeit,
die Angst, allein dazustehen, in Kauf zu nehmen.

Sich verlieren an etwas, das größer ist als wir, ist oft schmerzhaft – das gilt es wohl wahrzunehmen. Aber es ist ja nicht ein etwas, an das wir uns verlieren sollen – es ist Christus selbst.

Was ist „böse“ – was ist „gut“?

„Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem“ – der Wochenspruch aus Röm. 12,21. Das auf zwischenmenschliche Beziehungen anzuwenden, ist sicher eine gute Idee und zu Recht oft beschrieben worden. Ich möchte aber einmal den Rahmen größer ziehen. Was könnte das „Gute“ sein, das Opfern und Überlebenden von Entrechtung, Gewalt, Missbrauch helfen würde, das erfahrene „Böse“ zu überwinden? Wir hören und lesen und erleben mit, was Menschen angetan wird; wir versuchen an der Seite derer zu bleiben, die sich mit schweren Lasten durchs Leben kämpfen. Was wäre „Gutes“? Nicht zuallererst das ehrliche Benennen und Bekennen des Bösen?

Wie kann es sein, dass in beiden großen Kirchen Missbrauchsopfer gegen Seilschaften, Bürokratie, Borniertheit, Institutionenschutz zu kämpfen haben? Wie kann es sein, dass der Beitrag der Kirchen an Kolonialismus und wirtschaftlicher Ausbeutung bis heute nicht ehrlich benannt wird? Es gäbe vieles „Böse“, das nur mit dem „Guten“ von Wahrheit, Aufrichtigkeit, Anerkennung, der Bitte um Vergebung zu überwinden ist. Ich sehne mich nach dieser ehrlichen Kirche. Ohne dieses Kreuz aufzunehmen, brauchen wir nicht hinter Jesus herzustolpern. Eine Kirche, die sich mehr um ihre Glaubwürdigkeit sorgt als um ihre Opfer, wird gerade verlieren, was sie sucht: das Leben.

 

Anmerkung

1 Aus: D. Sölle, Es muss doch mehr als alles geben; zit. nach Ges. Werke Bd. 9, „Gott denken“ (Hg. U. Baltz-Otto u. F. Steffensky), 2009, 316.

 

Dörte Kraft

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.