Wissen, was bleibt

Ein umstrittenes Buch

Wurde Kohelet im 20. Jh. von den einen wegen seiner angeblich uninspirierenden Diesseitigkeit nur links liegen gelassen, machten andere ihn zum Kronzeugen einer antijüdischen Substitutionstheologie. Aarre Lauha (BK 19,1978) konstatiert Kohelets „weltanschaulichen Bankrott“ und eben dieses vermeintliche Scheitern sei „die erschütterndste messianische Weissagung, die das AT aufzuweisen hat“ (Hans Wilhelm Hertzberg). Soll heißen: Kohelet habe in der Bibel nur deshalb ein Existenzrecht, weil er illustriere, dass Israels Glaube ohne Jesus Christus sinnlos sei.1

Diese elitäre Verachtung steht in Diskrepanz zur vielfachen Wertschätzung Kohelets als Quelle lebensbegleitender Texte. Überhaupt gibt es in den letzten Jahrzehnten einen spürbaren Imagewandel Kohelets. Er wird durch seinen persönlichen Stil, seine kritische Distanz, seine schonungslose Ehrlichkeit bei bleibender theologischer Rückbindung als in hervorragender Weise anschlussfähig an religiöse Gegenwartsfragen wahrgenommen. Seine Frage nach der Möglichkeit und Bedingung menschlichen Glücks spricht tief auch in säkularisierte ­Lebenswelten hinein.

Obwohl die Kanonisierung Kohelets auch im rabbinischen Judentum zuerst umstritten war, hat er als Festrolle (megilla) zum Laubhüttenfest (sukkot) einen prominenten Platz in der Liturgie. In Verbindung zu diesem Fest kommen zwei Grundmotive des „Predigers“ zum Tragen: die zentrale Rolle gelebter Freude, die dem Weinlesefest innewohnt, und seine unmittelbare Nähe zum Torafreudenfest (simchat tora) einerseits. Andererseits der Gedanke der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit menschlichen Schaffens (häväl), der in dem Ruf zu Ein- und Umkehr des Sukkot direkt vorausgehenden Versöhnungstages (Yom Kippur) aufkommt.

Gratwanderung

Freude trotz Vergeblichkeit. Halt inmitten von Vergänglichkeit. Kohelet ist ein Gratwanderer und ein Buch der scheinbaren oder offensichtlichen Widersprüche. Sie sind Teil seines Kommunikationsstils.2 Kohelet (wörtlich „Versammler“) bringt als Sammlung unvereinbar erscheinender Widersprüchlichkeiten die Komplexität und Ambivalenz menschlichen Daseins ins Gespräch. Es ist darum kein Zufall, dass nach meiner Beobachtung Predigten zu Kohelet über den eigentlichen Text hinaus oft Themen des ganzen Buches berühren. Deswegen schadet ein Blick über die Perikopengrenzen der anstehenden Predigt sicher nicht.

Generationenkonflikt

Vom Jungsein und Altwerden handelt unsere Perikope. Das trifft auch 2021: Müssen die Jungen die Corona-Krise für die Alten ausbaden? Zumindest treffen sie Schul- und Uni-Lockdowns und Versammlungsverbote weitaus härter, während sie von dem Virus nicht viel zu befürchten haben. Haben die Alten angesichts des Klimawandels den Planeten nicht weit über das ihnen zustehende Maß missbraucht und zeigen sich nun auch noch uneinsichtig gegenüber den Veränderungswünschen der Jugend?

Um der Jugend wenigstens den ihr zustehenden Raum im Predigttext zuzugestehen, plädiere ich vehement für eine Hinzuziehung von Koh. 11,8-10. Wie im ganzen Kohelet geht es hier um Leben und Tod und darum, ob und wie wir unsere Endlichkeit ertragen können. Alle Dimensionen sollen uns in jeder Lebensphase präsent sein.

Dem Altwerden ins Gesicht schauen, realistisch und zugleich liebevoll, das gelingt Kohelet in seiner sich über V. 2-6 ziehenden Allegorie des altwerdenden Menschen: Hüter des Hauses zittern = Hände; strake Männer krümmen sich = Beine; Müllerinnen stellen Arbeit ein = Zähne; Frauen in trüben Fenstern = Augen; die beiden Türen schließen sich = Ohren; Geräusch der Mühle wird leise = Stimme; Mandelbaum blüht = Haare grau; Frucht der Kaper platzt = Sexualität endet.

Worauf kann sich ein Mensch verlassen?

Das Wissen ums Altwerden und um den Tod führt zur Weisheit. In jeder Altersstufe. Was kann der Mensch dann tun? Er muss wissen, was alles häväl, also vergeblich, ist. Worauf er sich also nicht verlassen kann. Mindestens das halbe Buch ist eine Litanei vergänglichen Besitzstandes und geplatzter Träume. Das muss so oft gesagt werden, weil deren Verführungskraft so unglaublich groß ist. Damals wie heute.

Was bleibt: Gelebte Beziehung und Freude. Man kann sie nicht haben, man kann sie nur tun. Das ist eine Botschaft mit viel Subversionspotential. Man überlege sich den Verlauf der Weltgeschichte, wenn diese Weisheit Platz gegriffen hätte oder noch greifen würde. Mit Anklängen an die Schöpfungserzählung gibt Kohelet dem allen einen Rahmen: alles, was der Mensch an Gütern, Freude und Zeit erfährt, ist von Gott gewährt und kehrt zu ihm wieder zurück.

 

Literatur

Ludger Schwienhorst-Schönberger, Das Buch Kohelet, in: E. Zenger, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 1995

Rolf Rendtorff, Theologie des Alten Testaments. Ein kanonischer Entwurf: Bd. 1, 347-355, Neukirchen 1999

Birgit Klein, Mühsal und Schönheit des Lebens und des Alters – Erkundungen mit kohelet. Prediger 12,1-7, in: Studium in Israel (Hg.), Predigmeditationen im christlich-jüdischen Kontext Plus. Zur Perikopenreihe 3, Berlin 2020

Görge K. Hasselhoff, 20. Sonntag nach Trinitatis: Pred 12,1-7. Mehr als nur Bilder vom Alten, ebd.

Jan Christian Gertz, Predigt über Pred. 12,1-7, unter: https://www.theologie.uni-heidelberg.de/universitaetsgottesdienste/2910_ws2018.html

Gerhard Schoenauer, Altwerden ist nichts für Feiglinge, Predigt über Pred. 12, 1-7, unter: https://www.theologie.uni-heidelberg.de/universitaetsgottesdienste/2910_ws2018.html

 

Anmerkungen

1 Eberhard Bons: Das Buch Kohelet in jüdischer und christlicher Interpretation. In: Ludger Schwienhorst-Schönberger (Hg.): Das Buch Kohelet, Berlin/New York 1997, 327-362, hier 344f.

2 „Polar structures“ (James A. Loader) oder „Zitat + kritische Auseinandersetzung“ (u.a. Schwienhorst-Schönberger).

 

Matthias Wanzeck

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

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