Sterben, Kämpfen, Hoffen – und Glauben

Der Ort im Kirchenjahr

Am 19. Sonntag nach Trinitatis steht die ganzheitliche Heilung des Menschen im Mittelpunkt des gottesdienstlichen Feierns. Für die Mitfeiernden wäre es schön, wenn die mittlerweile ziemlich muffige Modephrase „ganzheitlich“ ungesagt bliebe. Es geht um das Heilwerden des Menschen vor Gott in allen Dimen­sionen des Lebens. Heilsein hat neben dem körperlichen Aspekt auch psychische, soziale, theologische und ­politische Dimensionen.

Der Ort im Buch des Propheten Jesaja

In Kap. 36-39 finden sich Erzählungen über König Hiskia aus der Zeit der Belagerung Jerusalems durch Truppen des assyrischen Königs Sanherib. Das Bild, das von Hiskia gezeichnet wird, ist ambivalent. Einerseits wird das Vertrauen Hiskias zu JHWH mit dem Götzenkult seines Vaters Ahas kontrastiert. Andererseits handelt Hiskia in Kap. 39 politisch eigenmächtig. Der Psalm Hiskias (38,9-20) ist nicht organisch in den Erzählfluss eingebettet. Wie sonst bei Klageliedern üblich fehlt die Anrufung JHWHs. Ulrich Berges hält diese vier Kapitel auf der Ebene der Endkomposition für die theologisch bedeutsame Mitte des Jesajabuches. Literarisch kunstvoll wird hier die Heilung des todkranken Hiskia mit der Rettung der tödlich bedrohten Stadt Jerusalem verbunden. So wird die große Hoffnungsbotschaft der eschatologischen Rettung, die im übrigen Buch Jesaja immer wieder anklingt, entfaltet.

Der Ort im Leben Hiskias

Hiskia war ein erfolgreicher König. Er überstand eine sehr kritische Situation, als die Assyrer Jerusalem belagerten. Vor die Wahl gestellt: Übergabe oder totale Vernichtung kommt für Hiskia eine Übergabe nicht in Frage. Hiskia betet zu Gott und fleht um Errettung. Und tatsächlich: in einer Nacht sterben im Heerlager der Assyrer 180.000 Soldaten durch den „Engel des Herrn“.

Aber dann erkrankt Hiskia ernsthaft. Jesaja rät ihm, Abschied zu nehmen und sein Haus zu bestellen. Hiskia will nicht sterben. Er ringt und verhandelt mit Gott. Gott hört die Klage Hiskias und schenkt ihm weitere 15 Jahre Leben. Hiskia betet. Der Schreck sitzt ihm noch in den Knochen, er muss es noch einmal erzählen, wie es ihm ging. Der Tod bedrohte alles. Diese Erfahrung der Rettung hat sich bei Hiskia und bei den Judäern ins Gedächtnis eingebrannt. Gott hilft, auch in aussichtslosen Lagen, wenn man sich ihm anvertraut. Diese Treue Gottes (V. 19) gilt es von einer Generation zur anderen weiterzusagen.

Der Ort heute?

Während der zweiten Corona-Welle hat Carl Gierstorfer1 auf der Station 43 der Berliner Charité einen Film gedreht. Darin wird über eine Frau aus Kamerun berichtet, die ihren Mann, 42 Jahre alt, Vater zweier Kinder, verliert. Der Krankheitsverlauf ihres Mannes war lange positiv bewertet worden. Unter den Ärztinnen hieß es immer: „Der wird es schaffen.“ Seine Frau hat sehr viel gebetet. Offen zelebriert sie ihren Glauben. Umgeben von Maschinen, die blinken und piepsen, sang sie unglaublich schöne Lieder. Nie hat sie Zweifel zugelassen, dass er es nicht schaffen würde. Als klar war, dass ihr Mann sterben würde, fragte sie, auf Englisch: „Jesus, what is happening?“ Gierstorfer konstatiert, dass es keine Antwort darauf gibt, warum jemand wieder gesund werden darf. Aber die Ehefrau, die aus Kamerun stammt, hat eine Antwort. „Sie sagt, es war Gottes Wille. Und sie hat mich gebeten, den anderen Überlebenden etwas auszurichten: Dass sie sich freut, dass sie leben können.“ Wie sagte schon Hiskia? „Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn!“ (V. 20)

Anmerkung

1 https://chrismon.evangelisch.de/station43.

 

Peter Schaal-Ahlers

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

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