Zur Logik des Teilens

Zwei Irritationen

Zunächst zwei Irritationen, über die ich beim ersten Lesen des Predigttextes gestolpert bin: Der zweite Teil des vorgegebenen Abschnitts (V. 11-15) ist in seiner Ausdrucksweise sehr verquast. Paulus versucht hier den Korinthern zu vermitteln, dass in der Spende, der materiellen Gabe, ein Mehrwert liegt, der sich nicht im Materiellen bemessen lässt: Die Spende schafft geschwisterliche Verbundenheit und trägt in der Dankbarkeit zur Freude Gottes selbst bei. Wer diesen Teil des Predigttextes aufnehmen will, wird sich überlegen müssen, wie er ihn einbringt, denn die bloße Lektüre des Luthertextes wird bei den Hörern erst einmal Kopfschütteln auslösen. Es bietet sich eine Paraphrase an (vgl. z.B. die Version aus „Hoffnung für alle“); vielleicht können die Sätze dieses Abschnitts auch einfach nur den Hintergrund abgeben für eigene Predigtgedanken, ohne verlesen zu werden. Dann würde sich eine Begrenzung der Textlesung auf V. 6-10 empfehlen.

Meine zweite Irritation bezieht sich auf den Satz: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ (V. 7). Das wiederum klingt so abgedroschen, dass man es kaum noch in den Mund nehmen mag. Es wirkt wie ein inhaltsleeres Ornament, eine artige Zierde, mit der fromme Menschen vergangener Tage „Danke“ zu sagen pflegten.

Solidarität ist gefragt

Der Kontext (ab 8,1) macht deutlich, worum es hier geht: Die Gemeinde in Jerusalem war in finanzielle Nöte gelangt. Die Gründe spielen keine Rolle, entscheidend ist vielmehr, dass sie jetzt rasche Hilfe brauchen. Solidarität ist gefragt. Und zu einem unkomplizierten und effektiven Akt der Solidarität ruft Paulus die Korinther auf (nachdem bereits die Mazedonier mit gutem Beispiel vorangegangen sind). Dabei darf Paulus davon ausgehen, dass er auf eine gewisse Bereitschaft bei den Korinthern stoßen wird, denn es gibt eine tiefergehende Verbundenheit mit den „Heiligen“ in Jerusalem: sie sind Glaubensgeschwister.

Solidarität wird möglich durch eine bereits zugrundeliegende Verbundenheit – das ist so bei Spendenprojekten für Nachbargemeinden, bei der Hilfe für Christen in der Diaspora oder unter Verfolgung; es ist auch so in „weltlichen“ Solidargemeinschaften wie etwa Arbeitervereinen oder Gewerkschaften.

Zeichen der Mitmenschlichkeit

Es gibt jedoch auch noch eine andere Dimension des Gebens (oder Teilens), die nicht auf solidarische Verbundenheit setzt, sondern einfach auf Mitmenschlichkeit – oder eben auf „zwischenmenschliche Solidarität“, wenn man so will. Sie gewinnt Gestalt in Projekten der Diakonie, in Vesperkirchen und Tafelläden – und auch in der Katastrophenhilfe.

In den Tagen, da ich diese Zeilen schreibe, steht die Unterstützung für die Opfer der Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ganz oben auf der Tagesordnung. Dabei zeigt sich nochmals eine ganz andere Form des Teilens. Denn in einem Staat wie dem unseren ist reichlich Geld da, um erforderliche Milliardenbeträge einzulösen: Es wird per Staatsverschuldung „produziert“ und somit auf die Schultern aller (einschließlich noch kommender Generationen umverteilt). Worauf es aber konkret ankommt, ist die Hilfe vor Ort, also dass es Freiwillige gibt, die z.B. Arbeitszeit oder technisches Knowhow zur Verfügung stellen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt, wie ein „mobiler Waschsalon“ in Bad Neuenahr zeigt, der dort auf dem Marktplatz betrieben wird …

Unsere Erntedankgottesdienste haben seit Langem diese Dimension: Sie bezeugen die Dankbarkeit, in einer Gesellschaft leben zu dürfen, die vieler materieller Sorgen entledigt ist, und befreien genau von dieser Erfahrung eines Überflusses her kommend zur Freigiebigkeit gegenüber denen, die zwar am Tisch der Reichen, aber vor leeren Tellern sitzen. Geld spielt in dieser Logik des Teilens die Rolle eines Mediums neben vielen anderen.

 

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.