Bei Gott ist alles möglich

Alles richtig gemacht

Ein Mann läuft auf Jesus zu und fällt vor ihm nieder. Eine Frage brennt ihm unter den Nägeln: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (Mk. 10,17). Ich stelle mir einen gut situierten Mann mittleren Alters vor. Als Jugendlicher ist er ehrenamtlich aktiv und gesellschaftlich interessiert. Er studiert Betriebswirtschaftslehre und verdient jetzt gut in verantwortungsvoller Position. Er heiratet eine nette Frau und hat zwei wohlgeratene Kinder. In der gepflegten Neubausiedlung nebenan baut er ein schickes Haus. Alles passt. Alles läuft rund. Er sollte glücklich sein, dieser Mann.

Und doch innerlich leer

Und doch scheint dem Mann irgendetwas zu fehlen. Er hat es eilig, er wirkt rastlos. Er wirft sich vor Jesus nieder, um die Dringlichkeit seines Anliegens zu unterstreichen. Seine Frage scheint ihn schon lange umzutreiben. Als Jesus ihn auf die 10 Gebote anspricht, antwortet er prompt, dass er all diese bereits erfüllt und abgeleistet habe von Jugend an. Ja, der Mann weiß um seinen Wert für die Gesellschaft und um seine Erfolge. Er denkt viel darüber nach, was es heißt, einen perfekten Lebenslauf vorzuhalten. Was läuft schief? Was belastet? Fehlt diesem Mann der Glaube, die Gottesbeziehung – in seiner Leistungspalette?

Ein bekannter Punkt

Ich kenne diese Momente, in denen alles läuft und doch Tiefgang und Perspektive ausbleiben. Die Bodenhaftung ist nicht mehr da und der Draht nach oben ist wie durchgeschnitten. Meiner Meinung nach hat dies allerdings nichts speziell mit Reichtum zu tun. Die Überschrift in der Lutherbibel „Die Gefahr des Reichtums“ ist missverständlich gewählt.

Es geht generell darum, dass sich über die Zeit das Gefühl einschleicht, dass ich alles aus eigener Kraft schaffen kann und keine Messlatte für mich zu hoch ist. Deshalb bekommen ebenso die Jünger einen Schrecken, als Jesus ihnen aufzeigt, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr geht, als dass wir – alle – es schaffen könnten, Gottes neue Welt allein aus eigener Kraft und Leistung in unserer Gesellschaft und Kirche auf den Weg zu bringen (V. 24f).

Bei dem Mann ist der Reichtum der Bremsklotz, der ihn hindert, sich Gott hinzugeben (V. 23). Die Jünger hingegen sind keine reichen Leute, sie sind Fischer. Sie erschrecken eher darüber, wie sehr sie in ihren Alltagssorgen gefangen sind (V. 28). Denke ich schließlich an mich selbst, so fallen mir auch gleich viele Umstände ein, die meinen Glauben leermachen: Rastlosigkeit, Zeitnot und manchmal eine perfektionistische Betriebsamkeit.

Sehnsucht nach erfülltem Leben

Es ist kein Zufall, dass die 10 Gebote keine Sammlung von Verhaltensregeln sind, wie etwa der „Knigge“. Allen Geboten voran geht Gottes liebevolle Zusage und Verheißung: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (V. 19f.). Knechtschaft ist, lieblos und hasserfüllt gegenüber sich selbst oder anderen zu sein – „Du sollst nicht töten“. Knechtschaft ist, die Grenzen der Beziehung zu brechen und das Vertrauen mit Füßen zu treten – „Du sollst nicht ehebrechen“. Knechtschaft ist, andere für dumm zu halten oder aber sich selbst unter Wert zu verkaufen – „Du sollst niemanden berauben“. Durch jedes Gebot blitzt die Sehnsucht nach erfülltem Leben hindurch. Gelingendes Leben hier und ewiges Leben dort lassen sich nicht abarbeiten. Sie sind Geschenk aus Gottes übergroßer Liebe und die Frucht unserer Sehnsucht.

Der Glaube öffnet

Jesus versucht, seinen Gesprächspartner von der unsäglichen Frage zu befreien: „Wie werde ich noch effektiver, leistungsstärker und glaubensstärker?“ Leider dringt Jesus bei dem Mann nicht durch. Dieser hört nur das Stichwort „Reichtum“ und rennt entsetzt davon, wohl ahnend, dass es so unendlich schwer ist, aus dem Hamsterrad der Selbstoptimierung auszubrechen. Doch auch bei den Jüngern hat Jesus keinen Erfolg. So nimmt er einen dritten Anlauf, dieses Mal in einer sehr offenen, weiten Perspektive: „Alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (V. 27). Gottes bedingungslose Liebe ermöglicht, dass auch wir bedingungslos lieben können.

 

Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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