Kinder brauchen Engel

Durch die neue Perikopenordnung rücken auch solche Texte und Figuren ins Bewusstsein, die als nicht zentral für die Botschaft des Evangeliums gelten, deren Gotteserfahrungen aber heute noch Glauben stärken und Leben deuten können. Doch der Grund für die Zuordnung der Geschichte von Hagar und Ismael in der Wüste zum Michaelistag dürfte die Figur des Engels gewesen sein, der in V. 17f auf Gottes Geheiß hin eingreift: Dieser Tag feiert schließlich die Botinnen und Boten, durch die Gott die Wege der Menschen beeinflusst, Gefahren abwendet und die Schwachen schützt.

Abrahams Patchwork-Familie

Sehr anschaulich wird das hier am Beispiel der Patchwork-Familie Abrahams gezeigt: Der Stammvater Israels, auf den sich auch die christliche Gemeinde beruft, wirkt – wieder einmal – damit überfordert, den Bedürfnissen derer, die ihm anvertraut sind, zu entsprechen. Seine Frau Sarah ist eifersüchtig auf Hagar, die sie selbst ihrem Mann als Nebenfrau zugewiesen hatte, und auf Ismael, den Sohn aus dieser Beziehung. Alles soll sich jetzt um Isaak drehen, das späte Kind einer großen Verheißung.

Abraham ist nicht einverstanden, geht aber trotzdem den Weg des geringsten Widerstands. Hagar bekommt Proviant für einen Tag von ihm. Alles Wertvolle, jedes Tier der großen Herde und auch jedes Stück Land, das er besitzt, wird aufgespart für Isaak.

Hagar, die in Gen. 16 noch mutig und selbstbewusst in der Wüste unterwegs war, steht unter Schock. Sie verliert buchstäblich die Orientierung und sieht für sich und ihren Sohn nur noch den Tod. Das Weinen des von ihr ausgesetzten Kindes führt dazu, dass Gott selbst eingreift. Ein Engel zeigt ihr die Quellen, die sie braucht, um Gottes Verheißung über Ismael auch an einem Ort wahr werden zu lassen, die so lebensfeindlich gar nicht sein kann, denn hier wird Ismael einen Beruf erlernen und eine Familie gründen.

Überforderte Eltern

Immer wieder muss Gott Boten schicken, damit Abrahams Söhne leben können. Liest man Gen. 16-22 einmal ganz subjektiv aus der Perspektive seiner Kinder, entsteht der Eindruck einer dysfunktionalen Familie mit überforderten Eltern: einem Vater, der widerspruchslos bereit ist, seine Kinder zu opfern, einer (Stief-)Mutter, die ihre Eifersucht nicht im Griff hat, und einer Geliebten, der Unterhalt und Unterstützung verweigert werden. Ismael wird von seinem Vater getrennt, weil er zum falschen Zeitpunkt beim Lachen (!) ertappt wird (V. 9). Seine Mutter setzt ihn, der mit 14 Jahren im besten Konfimandenalter ist, unter einem Strauch aus. Dass diese Vegetation ein Hinweis auf einen nahen Brunnen sein könnte, erkennt sie trotz ihrer Erfahrung erst, als sie ausdrücklich darauf hingewiesen wird.

Schließlich schafft sie es, Ismael zu umarmen (V. 18) und ihm mütterliche Fürsorge zu geben. V. 21 zeigt sie wieder als die starke Frau aus Gen. 16, die dafür sorgt, dass sich die Verheißung erfüllen kann, die Gott beiden Eltern gegeben hat (V. 13.18). Wer ihr in welcher Form dabei zum Engel geworden ist, bleibt offen. Ob es andere Menschen waren, Träume oder Stimmen, spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Rettung eines Kindes aus höchster Lebensgefahr.

Ein hochaktueller Predigttext

Ismaels Geschichte ist gut ausgegangen. Dass Kinder trotz reichlich vorhandener Ressourcen auch heute noch leiden, verkümmern oder gar ihr Leben verlieren, dass es Eltern gibt, die es nicht schaffen, sie zu schützen und zu versorgen, dass in Familien einzelne Mitglieder ausgegrenzt und verstoßen werden, macht die Perikope aktuell und schwer erträglich.

Der Predigttext zu Michaelis erinnert daran, dass Kinder „Engel“ brauchen, die nach ihnen sehen und ihren Familien helfen, sie zu schützen. Die Hoffnung bleibt, dass für jedes Kind in Not stets ein Bote Gottes in der Nähe ist, der (oder die) Ressourcen aufzeigt und die heilenden Worte sagt: „Fürchtet euch nicht – Gott hört euch weinen!“ (V.17).

 

Lied

Das Mottolied des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2017 „Du bist ein Gott, der mich anschaut“ (aus dem Liederheft „freiTöne“) ist in vielen Gemeinden bekannt. Vielleicht schafft es ja den Sprung ins neue EG – im Augenblick kann man nur auf die Kirchentags-Quelle verweisen.

 

Gerlinde Feine

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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