Adonaj […] hat ja nicht aufgehört sich zu erbarmen“1

Mühsam abgerungene Hoffnung

Die ausgewählten Verse des dritten Klagelieds klingen wie ein wunderschönes Hoffnungslied. Allerdings wird nach genauerem Hinsehen deutlich, dass es sich um eine mühsam abgerungene Hoffnung handelt. Beispielsweise wird aus V. 25 deutlich, dass Gott gerade auf sich warten lässt, in V. 31 berichtet das Ich, dass es sich von Gott verstoßen fühlt. Erst was hier an Erfahrungen im Hintergrund steht, verleiht dem Gotteslob des Predigttextes seine Tiefe.

Dass es sich im Text keinesfalls um ein blauäugiges Gottvertrauen handelt, wird vollends evident, wenn man die ersten 18 Verse des Klagelieds einbezieht: Mit drastischen Bildern berichtet hier ein Mensch von schwerstem persönlichen Elend: Gott wendet sich nicht nur ab, er wird als beinahe sadistischer wirkenden Gewalttäter wahrgenommen.

Erlittene Not und Festhalten an der Treue Gottes

In der Predigt gilt es nun, den Kontrast herauszuarbeiten: Auf der einen Seite steht die erlittene Not, auf der anderen das Festhalten an der Treue Gottes. Hier steht die erfahrene Bedrohung, dort die Hoffnung auf Gott, der sich trotz allem für das Leben stark macht.

Eine Möglichkeit, die Drastik darzustellen habe ich 2017 für die Konfirmandinnen und Konfirmanden gewählt. Wir haben den verschiedenen Passagen jeweils Emojis zugeordnet, die aus Messengerdiensten wie Whatsapp u.a. bekannt sind: 😭😖😓😫 (Klgl. 3,1-18) bzw. 😊😃😇😄 (Predigttext). Im Anschluss daran kann eine Predigt dem nachspüren, wie es zu solch einer Wende aus der Not hin zur Zuversicht kommen kann – beim exemplarischen Betenden des Klageliedes und bei uns. Drei Schritte schlage ich hierbei vor: 1. Klage, 2. Erinnerung, 3. Lob. Ich möchte jeweils kurz anreißen, was hierbei bedacht werden könnte.

Klage

Inwiefern ist Klagen angemessen und notwendig – für unsere psychische Gesundheit, für unsere Gottesbeziehung? Hierbei kann auch die Suche nach biblischen Vorbildern wie z.B. Hiob hilfreich sein. Auch Gedanken über unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit negativen Gefühlen könnten hier ihren Platz finden. Bestseller wie Megan Devines „Es ist okay, wenn du traurig bist“ u.ä. zeigen, dass leidenden Menschen dieser Raum anscheinend nicht selbstverständlich zugestanden wird.2

Erinnerung

Was passiert, wenn wir der Stimme in uns Raum geben, die uns an das Gute erinnert, das wir schon erlebt haben? Wenn wir uns an die Momente erinnern, in denen wir behütet waren, in denen wir Liebe, Erfüllung und Gemeinschaft erlebt haben und es uns gelingt, die damit verbunden Gefühle noch einmal aufleben zu lassen, was ändert das dann für unseren Blick in die Zukunft? Welche heilsgeschichtlichen Ereignisse geben uns als Kollektiv Grund zur Hoffnung, weil sie uns an Gottes lebensbejahende Zuwendung erinnern?

Lob

Wie öffnet diese neue Perspektive uns den Blick, sodass wir wieder Mut fassen und auf Gottes Treue setzen, ihn sogar loben können? Hier ist es meiner Ansicht nach relevant, dass Lob den Ist-Zustand transzendiert – auch die Situation des Betenden hat sich ja äußerlich nicht geändert. Vielmehr nimmt das Gotteslob vorweg, was wir von ihm erst noch erhoffen.

Das dritte Klagelied lädt dazu ein, „unter dem Zorn JHWHs aus[zu]halten und die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren nicht auf[zu]geben.“3 Gelingt es hierbei, im oben genannten Dreischritt auch die heutige Gemeinde mitzunehmen und in ihrer gemeinsamen Hoffnung auf eine Zukunft des Lebens aneinander zu weisen, kann das Warten auf Gottes Hilfe vielleicht tatsächlich zu einem „köstlich Ding“ werden.

 

Lieder

EG 454 „Auf und macht die Herzen weit“

EG 324 „Ich singe dir mit Herz und Mund“, v.a. Str. 10-13 „Wenn unser Herze seufzt und schreit“

„Solang wir Atem holen“ („Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“, 193)

EG 440 „All Morgen ist ganz frisch und neu“

 

Anmerkungen

1 Klgl. 3, 22 in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache.

2 Vgl. auch den englischen Untertitel: Meeting Grief and Loss in a Culture That Doesn’t Understand.

3 Ulrich Berges, Klagelieder (HThKAT) 22012, 183.

 

Susanne Lipan Weber

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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