Glaube so klein wie ein Senfkorn

Vertrauen kann sehr spontan entstehen …

So geht es zwei älteren Frauen, die sich eines Tages auf dem Friedhof kennenlernen: Sympathie und Verbundenheit sind von Anfang an da. Es ist ein paar Monate her. Seither haben sie viel geredet, lange geschwiegen, oft die Sonne genossen und immer wieder die Trauer geteilt. Gute Freundinnen sind sie geworden. Das Vertrauen war von Anfang an da und es ist immer weiter gewachsen. So wie bei einem kleinen Senfkorn.

Zum Vertrauen kann man sich auch entschließen

Ein Mann tastet eine Schwellung und hat wenige Tage später eine schlimme Diagnose. Seine Frau, ein Freund, die erwachsene Tochter, der leitende Arzt, diese Beziehungen werden jetzt besonders wichtig. Er braucht Vertrauen. Auch sein Glaube ist herausgefordert. Kann er glauben, dass Gott auch aus der Krise etwas Gutes entstehen lassen kann? Ja, er setzt darauf.

Stärke uns den Glauben“

In Lk. 17,5f wenden sich die Jünger an Jesus: „Stärke uns den Glauben!“ Was genau den Evangelisten hier veranlasst, die kleine Episode zu erzählen, ist nicht ganz klar. Vielleicht gibt es Anfechtungen oder Streit in der Gemeinde, vielleicht stehen Herausforderungen dahinter, die in V. 1-4 beschrieben werden. Jesu Antwort nimmt die Frage ernst: „Wenn ihr Glauben habt …“. Die meisten Übersetzungen sagen „hättet“, aber der ganze Duktus des kleinen Dialogs legt etwas anderes nahe: Der Glaube ist schon da. Und wenn er manchmal nur so klein ist wie ein Senfkorn.

Vielleicht haben die Jüngerinnen und Jünger Zweifel über den weiteren Weg, der vor ihnen liegt. Die Zukunft ist ungewiss. Oder es gibt einen Auslöser für Angst, so wie einst im Sturm auf dem See (Mk. 4,35-41 par). Aber sie glauben, dass ihre Bitte gehört wird. Die hier zweifeln und fragen, erwarten etwas von Gott. Sie haben schon Glauben. Ihr Vertrauen soll gestärkt werden und wachsen. Daran knüpft Jesu Antwort an: „Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr diesem Maulbeerbaum befehlen: Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer! – und er wird euch gehorchen.“ (Basisbibel)

Geübte Hörerinnen und Hörer werden einen Glauben assoziieren, der sogar Berge versetzen kann (Mt. 17,20; 21,21; Mk. 11,22). Wer mag, denkt noch an Berge, die weichen, und Hügel, die hinfallen (Jes. 54,10; vgl. 40,3-5; 49,11). Das Bild vom Berg, der ins Meer stürzt, kommt hier in einer Variante und etwas abgeschwächt daher. Immerhin hat ein Maulbeerbaum so tiefe und starke Wurzeln, dass man ihn damals nur in großem Abstand zu Brunnen pflanzen durfte.

Glaube hat Potential

Die Pointe lautet: Der Glaube, und scheint er noch so klein, kann etwas bewirken, das man von menschlichen Kräften eigentlich nicht erwartet. Jesus sagt: „Nur Mut! Habt Vertrauen! So viel Glauben, wie ihr braucht, habt ihr allemal.“

Das kleine Senfkorn weist darauf hin: Solcher Glaube hat Potential. Vertrauen kann etwas verändern. Wenn von außen noch das Richtige dazukommt. Erde, Licht und Wasser in einem ganz profanen Sinne, wenn die Saat aufgehen soll. Die Gemeinschaft mit anderen und das Hören auf Gottes Wort im übertragenen Sinne, wenn der Glaube genährt werden und stark werden soll. Wer so bittet wie die Jünger, räumt etwas ein, das sich eigentlich von selbst versteht: Ich kann es nicht alleine, ich brauche die anderen, ich brauche Gott. Gott beschützt nicht vor Verlust oder Krankheit, aber er ist da. Offenbar gibt er den starken Glauben und die nötige Kraft nicht im Voraus. Aber er lässt sich jeder Zeit bitten: Stärke uns den Glauben!

 

Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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