East of Eden

 

Vorfindlichkeiten

Mit der Geschichte von Kain und Abel haben wir ein Stück der atl. Urgeschichte vor uns: die Reflexion der Vorfindlichkeiten menschlichen Lebens im Glauben an JHWH. Vorfindlich sind zunächst (V. 1-8) die Beziehung ungleicher Brüder, die erfahrene Ungleichheit der Lebensverhältnisse und die zerstörerische Neidreaktion. Die Geschichte unternimmt keinen Versuch, die Warum-Frage zu beantworten; es gehört zu den Vorfindlichkeiten, dass das Leben unfair sein kann. Darum stellt sich die Frage des Umgangs damit.

Das „Kain-Syndrom“

Immer wieder ist versucht worden, einen Unterschied zwischen dem Opfer des Kain und dem des Abel zu benennen; ich habe weder etwas Überzeugendes gefunden, noch halte ich es für die richtige Spur: das bleibt bei der Warum-Frage, die die Geschichte m.E. nicht stellt. Für wesentlicher halte ich den Gedanken, dass mit dem „Ansehen“ des Opfers der als weiterwirkend erfahrene Segen gemeint ist und damit die existenzielle Sicherheit der Lebensverhältnisse1. Hier findet Kain sich unerwartet „beraubt“ und verunsichert und nimmt die Situation in die eigenen Hände.

Heribert Prantl hat in seinem Beitrag zum Pfarrertag 20182 das Bild des Kain als des sich als privilegiert verstehenden Erstgeborenen betont, der es als persönliche Bedrohung versteht, mitansehen zu müssen, wie der Andere, Unbedeutende (Abel = Hauch, nichts) zum Zug kommt. Der Kern des mörderischen Hasses ist für ihn das „Kain-Syndrom“: die gefühlte Gefährdung durch das Nachziehen des anderen.

Wo bleiben die Opfer?

Dies ist eine Tätergeschichte: Abel kommt in ihr nicht zu Wort3; die Geschichte dessen, der schon im Namen das Nichtsein hat, endet im Tod. Wir hören von den Errungenschaften der Nachkommen des Täters – welchen fortwirkenden Verlust bedeutet demgegenüber der Tod eines Menschen? Was ist alles nicht ins Leben gekommen? Auch das wird nicht reflektiert, aber vielleicht erinnert es uns daran, dass auch unsere Gesellschaft viel zu selten die Opfer im Fokus des Interesses und der Fürsorge hat.

Verweigertes Gespräch“

V. 6f als möglicherweise späterer Einschub steuert doch zum Gesamt der Geschichte eine wichtige Aussage bei: so verständlich und normal der Neid im Falle dieser Zurücksetzung ist – es kommt darauf an, wie damit umgegangen wird. Gerade weil es zu den Gegebenheiten dieser Welt gehört, dass es Unterschiede und Ungerechtigkeiten gibt, muss vom Menschen erwartet werden können, dass er seine Reaktion reflektiert: du aber walte ihm ob übersetzt Buber in V. 7. So holperig der Vers auch ist – er ist der Endredaktion der Genesis doch wohl unverzichtbar erschienen: Auch der Mensch, der Unrecht erleidet, bleibt verantwortungsfähig. W. Bruners4 gibt seiner Auslegung das Thema „Das verweigerte Gespräch“, ganz auf dieser Linie.

Im Land der Heimatlosigkeit

Die zweite Hälfte des Textes ab V. 9 benennt die Konsequenz der Tat im Dialog von Kain mit JHWH. Mit den Folgen seiner Tat muss der Täter leben – auch dies eine Tatsache im Erfahrungswissen der Menschen – dennoch darf ihm kein anderer Mensch das antun, was er selbst getan hat.

Was ist nun seine Strafe? Drei Stichworte bilden hier die Linie: adamaheretznod. Es ist ausgerechnet die Lebensgrundlage des Ackerbauern Kain, aus der heraus das Blut des Toten schreit, und so ist die Konsequenz die Trennung von dieser Lebensgrundlage. Hier wird nicht der Acker verflucht, sondern Kain: der Fluch besteht in der Trennung von der adamah und vom Angesicht Gottes. Nun hat der Ackerbauer nur noch eretz unter den Füßen und bleibt auf der ständigen Suche nach Lebensraum und Lebensgrundlage. Dass er „wohnt“ in eretz nod, im Land der Heimatlosigkeit, ist eigentlich ein Widerspruch in sich und soll so wohl abbilden, was immer wieder Erfahrung der Menschen ist: wir sind „East of Eden“, unterwegs und auf der Suche nach Lebensmöglichkeiten.

Unseres Bruders Hüter

Auf die Frage nach dem Gegenwartsbezug versuche ich ein Thema, das während der Pandemie an den Rand gedrängt wurde. Als Europäer gehören wir zu den lucky few, die einen hohen und relativ gesicherten Lebensstandard genießen, während Menschen, die zufällig woanders geboren wurden, alles aufs Spiel setzen, um leben, lernen, arbeiten zu können. Flüchtlingspolitik ist ein komplexes Thema – aber fordern wir von unseren Politikern immerhin eine humane Politik ein, die mörderische Zustände auf dem Mittelmeer und in Lagern jenseits der europäischen Außengrenzen aufhören lässt? Oder gibt es auch heute Menschen die „Abel“ sind, Nichtse von Anfang an? Sind wir unseres Bruders, unserer Schwester Hüter? Die Antwort unserer Geschichte ist klar.

 

Anmerkungen

1 Vgl. C. Westermann, Am Anfang. 1. Mose, Teil 1, 1986, 52f.

2 Vgl. DPfBl 11/2018, 615.

3 Wohl aber bei Rilke in seinem Gedicht „Der blasse Abelknabe spricht“, im ersten Teil des Stundenbuchs (ders., Gedichte, Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2008).

4 W. Bruners, Das Gespräch mit dem Engel. Biblische Begegnungen, 2015, 108ff.

 

Dörte Kraft

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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