Heilung der Ohren

Vorgeschichte für Kreuz und Auferstehung

Das Markusevangelium wird bezeichnet als „Vorgeschichte“ für das ihm eigentlich wichtige Thema: Kreuz und Auferstehung Jesu. In der Vorgeschichte bilden sich ab: Kreuz und Leiden in der Feindschaft der Oberschicht gegen Jesus, im Unverständnis und Versagen der Jünger; Auferstehung in den Wundern, die er wirkt (Mk. 7,31-37 ist Sondergut) und die an ihm geschehen.

Geographisch ist die Perikope südöstlich des Sees Genezareth, östlich des Jordans anzusiedeln, im Gebiet der Dekapolis, im multikulturellen und multireligiösen Gebiet mit Arabern, Juden, Judenchristen und heidnischen Bevölkerungsgruppen.

Hörunfähigkeit

Fake News, Verschwörungstheorien und Antisemitismus gehen in den Demonstrationen gegen Schutzmaßnahmen der Pandemie unserer Tage ohne Überprüfung des Wahrheitsgehalts lautstark um die Welt. Die tödliche Erkrankung ist für manche offenbar unsichtbar geblieben als Erfindung von Medien, Politik und Eliten: eine sehr gefährliche Haltung für das Leben aller. Hörunfähigkeit ist in vielen dieser Leugner-Kreise durch das Teilen „Alternativer Fakten“ weit verbreitet. Dagegen werden besonnene Stimmen von Wissenschaftlern kaum gehört, und es begegnet eine zunehmende Sprachlosigkeit der nachdenklichen Stimmen beim Aussprechen der Wahrheit. Deren Stimme gilt es zu stärken. Heilung heißt: das Öffnen der (eigentlich) hörenden Ohren für reale Fakten.

Menschen mit Taubheit/Gehörlosigkeit und daraus resultierender Artikulationsbehinderung waren damals neben dem körperlichen Handicap vom religiösen (jüdischen) Leben als „gebrechlich“ ausgeschlossen, weil sie hören sollten (vgl. Dtn. 31,12).

„Er hat alles wohl gemacht“: die Gehörlosen macht Jesus hören und die Sprachlosen reden (V. 37). Durch sein Heilungshandeln ist der Gehör- und Sprachlose nach der physischen Wiederherstellung wieder berechtigt, am religiösen Leben/Gottesdienst teilzunehmen. Allerdings soll darüber zunächst Schweigen herrschen. Denn wer Jesus ist, soll sich – nach Mk. – erst durch das größte Wunder zeigen: seine Auferstehung, durch die das Heil für alle zugänglich ist.

Wunder als Türöffner

In der Alten Kirche (Ambrosius) hat man mit der „wunderbaren Öffnung der Ohren“ das Taufgeschehen gedeutet: Zu Beginn des Taufgottesdienstes berührte der Bischof Ohren und Nase des Taufbewerbers mit den Worten „Effata“ („Öffne dich“) zur Vorbereitung des Bekenntnisses des Täuflings, der nach dem Hören der Worte des Taufenden auf diese antworten muss.

Wunder sind Türöffner: Sinnbild für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Erfahrung seiner heilsamen Nähe. Wir hören ein einziges Wort (Jesu) und alles wird anders. Wir hören ein einziges Wort, und das Leben wird heil und neu. Anders als nur physisch wieder hergestellt wird der Mensch in seiner Ganzheit, neben dem leiblichen auch in seinem geistig-geistlichen und seelischen Sein neu. In der Bibel „werden unsere physischen Organe – Herzen, Mund, Verstand… alle Sinne – in ihrer theologischen Bedeutung bedacht, auf das hin, was sie für unser Leben mit Gott … austragen …“ (Marquardt, Eschatologie).

Physisch Hörgeschädigten können durch Wahrnehmung und technische Geräte die Ohren geöffnet werden; bei den durch Fake News, Populismus und andere abstruse Theorien Taubgewordenen kann das durch Entlarvung für den Prozess der Heilung im Gottesdienst geschehen.

 

Lieder

EG 432 „Gott gab uns Atem“

EG 585 (EKNB) „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“

 

Ursula Koopmann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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