Gottes Gnade braucht keine gebrochenen Existenzen

Vorher – nachher = schwarz – weiß

Ich beginne mit einer Betrachtung des unmittelbaren Kontextes (2,1-3), der nicht Teil des Predigttextes ist. Der Zusammenhang wirkt auf den ersten Blick so, als wollte der Verfasser des Eph. eine Abrechnung mit dem bisherigen Leben der Gemeindeglieder in Ephesus (und seiner selbst) in eindeutigen Schwarz-Weiß-Tönen vornehmen: Früher war alles schwarz – „tot“, „Sünden“, der „Äon dieser Welt“, „Lüste des Fleisches“, „Kinder des Zorns“; nun aber ist alles strahlend weiß – „lebendig“, „Gnade und Barmherzigkeit“, „Christus“, „gute Werke“, Gottes „Gütigkeit“.

Man kennt dieses Schema aus mancher Bekehrungsstory: Da bezeugen ehemalige Drogendealer, Alkoholabhängige oder Ex-Strichjungen, wie sie zu Jesus und durch ihn zu einem neuen Leben fanden… Ich will das hier nicht bewerten. Es ist einfach biografieabhängig, und mancher bzw. manche, die tief im Sumpf steckten und herausgefunden haben, empfinden das neue Leben im Glauben wirklich als eine 180 Grad-Wende.

Die Leichtigkeit manchen Seins

Was aber, wenn der erste Teil dieser Betrachtung nicht meinem eigenen Leben entspricht? Wahrscheinlich sitzen in unseren Gemeinden nicht sehr viele, die in krassen Tönen der Verachtung ihren früheren Lebenswandel geißeln würden. Die meisten von ihnen entstammen wahrscheinlich wohl geordneten Verhältnissen, gut-bürgerlichen Herkunftsmilieus, haben sich moralisch anständig und rechtschaffen verhalten oder zumindest redlich darum bemüht. Würden sie sich unter den angesprochenen Adressaten wiederfinden?

Da ist es wohl gut, wenn der Predigttext erst mit V. 4 einsetzt. Aber ist das dann nur die halbe Wahrheit? Ist der, der nur auf den zweiten Teil schaut, auch nur ein „halber Christ“?

Sünde ist mehr und anderes als ein „lasterhaftes Leben“

Gewiss, Heilige sind wir alle nicht, und Sünde wird nicht in der Maßeinheit moralischer Schuld gewogen. Wenn wir den theologischen Begriff der Sünde ernst nehmen, dann brauchen wir nicht das Maß der „Lüste unseres Fleisches“ (V. 3) oder des „Zorns“ (V. 3) oder des „Ungehorsams“ (V. 2) anzulegen. Der Begriff „Sünde“ bringt die Mangelhaftigkeit unseres Gottesverhältnisses zum Ausdruck – und seien es so moralisch unverdächtige Symptome wie Kleinglauben, Zweifel oder fehlende Zuversicht. Nicht auf Gott vertrauen zu können, ihn nicht zu verstehen, die Fragen als größer und gewichtiger zu empfinden denn mögliche Antworten – auch das ist Ausdruck einer beeinträchtigten Gottesbeziehung, für das die christliche Tradition das Wort „Sünde“ kennt.

Auch diejenigen, die daran leiden, Gott nicht von Angesicht zu Angesicht zu kennen, mit ihm nicht auf Du und Du zu sein, ja einfach sich immer wieder in die Tristesse eines unerfüllten Lebens zurückgestoßen sehen, spüren etwas von der Macht der Sünde im Sinne der Gottferne und benötigen den Zuspruch des Evangeliums.

Wo die Seele aufatmen kann

Man muss es also nicht dramatisieren: Egal, wie das erste Glied dieser Konsekutivreihe, die Eph. 2 aufmacht, aussieht – das Evangelium bleibt sich treu und kann in jeder Lebenslage gehört und als lebensrettend erfahren werden.

„Euch hat Gott mit Christus lebendig gemacht; Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, uns in Christus lebendig gemacht…“ Das wirkt! Das leuchtet! Das genügt! Mit heilenden Worten eröffnet der Verfasser einen Genesungsraum für unsere Seelen, ganz gleich, wie geschunden, wie krank, wie verloren sie sich fühlen. Hier kann die Seele aufatmen. Das möchte ich in meiner Predigt in den Mittelpunkt stellen und in reichen Farben ausmalen. Das soll mein Gottesdienst erleben lassen.

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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