Ein Zeugnis für die Völker

Kirche und Israel

Der Text ist in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung. Wie bei allen atl. Perikopen ist es die erste Pflicht des Predigers, den Abschnitt Israel zu lassen, anstatt ihn im Handstreich für die Kirche zu vereinnahmen. Die Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, als man alle atl. Verheißungen auf die Kirche bezog, aber alle Gerichts- und Strafandrohungen auf das Judentum. Inzwischen haben alle Landeskirchen in ihre Verfassungen einen Passus eingefügt, der die bleibende Erwählung Israels bezeugt. Erst wenn das gewürdigt ist, darf die Kirche als das ntl. Gottesvolk ins Spiel gebracht werden.

Ein Volk von Priestern

Die zweite Herausforderung besteht in der Erwählung des Volkes als Gottes Eigentum „vor allen Völkern“, besonders im Blick auf das heutige Israel. Und die dritte steckt in der Frage, was es heißt, ein „Königtum von Priestern“ zu sein. Es geht um das Priestertum aller Gläubigen. Was kann man darunter verstehen?

Unser Text sieht diese beiden Fragen in einem unlösbaren Zusammenhang. Als Gottes Eigentum soll Israel ein priesterliches Volk sein. Natürlich konnte das nicht heißen, dass jeder Israelit als Priester im Tempel Dienst tun konnte. Inmitten des priesterlichen Volkes gab es die eigens berufene Priesterschaft, die in der Stiftshütte bzw. später im Tempel die Opfer darbrachte und dem Volk Gottes Segen vermittelte. Aber was bedeutete dann die Berufung ganz Israels, im Bund Gottes einen priesterlichen Charakter zugeeignet zu bekommen?

Eine Antwort auf diese Frage können wir in 5. Mos. 4,5-7 finden: „Sieh, ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der Herr, meine Gott geboten hat … So haltet sie nun und tut sie! Denn darin zeigt sich den Völkern eure Weisheit und euer Verstand. Wenn sie alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem Götter so nahe sind wie uns der Herr, unser Gott, sooft wir ihn anrufen?“

Der Priesterdienst des Volkes Gottes

Wenn unsere zwei Texte auch zu verschiedenen Zeiten entstanden sind, so zeigt der letztere doch, wie Israel sich und seine priesterliche Berufung verstand. Das ganze Leben des Volkes in all seinen Bezügen, auch den alltäglichen, sollte ein Zeugnis für die Völker sein. An Israel sollten die Völker ablesen können, wie Gott ist. An den Lebensweisungen Gottes für sein Volk sollten die Heiden die Weisheit und die Güte Gottes erkennen können, und wie nahe er denen ist, die ihn anrufen. Diese Vermittlung des Wesens Gottes an die Außenstehenden durch die tägliche Anschauung war der „Priesterdienst“ des Volkes.

Das heutige Israel lässt wenig von dieser Berufung erkennen, Gott sei es geklagt. Der Predigttext ist eine Herausforderung nicht nur für uns, sondern auch für das ersterwählte Volk, dessen Berufung immer noch wie eine vorläufig nicht erfüllte Verheißung über ihm steht. Wie Gott sie einmal zu Tat und Wahrheit werden lassen wird, ist sein Geheimnis.

Priestertum aller Gläubigen

Einen Nachhall, eine Aktualisierung des Predigttextes finden wir in 1. Petr. 2,9, wo er auf die christusgläubigen Leser des Briefes angewendet wird: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.“ Hier sind in Anklängen beide Texte aus 2. Mos. 19 und aus 5. Mos. 4 miteinander verbunden.

Auch für uns gilt, dass nicht jeder automatisch ein Priester ist. Wenngleich Luther festgehalten hat, dass die Taufe allein genügt, um jeden zum „Priesteramt“ grundlegend zu qualifizieren, kann es doch nicht jeder und jede einfach so ausüben. Das wäre ein Missverständnis des „Priestertums aller Gläubigen“. Es gehört die Berufung durch die Gemeinde dazu. Aber alle sind wir ein „priesterliches Volk“, das die Wohltaten Gottes verkündigen soll.

Eine direkte Entsprechung zu 5. Mos. 4,5-7 finden wir in Joh. 13,34-35: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Ob die Kirche angesichts dieser Berufung und dieser Beauftragung ein besseres Bild abgibt, als das heutige Israel?

Franziskus Joest

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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