Nicht erklären, sondern zusprechen

Sprache der Begeisterung

Briefe sind Gelegenheitsschreiben. Das gilt für die beiden Korintherbriefe in besonderer Weise, und dennoch ist es bislang nicht gelungen, einen Konsens darüber herzustellen, gegen wen1 Paulus jeweils argumentiert, teilweise polemisiert. Ich habe nichts gefunden, was mir geholfen hätte, im Jahr Zwei der pandemischen Ausnahmesituation diesen Kerntext im großen Zusammenhang einzuordnen. Ich versuche es mit Luise Schottroffs Gedanken: Der erste Brief nach Korinth liest sich mühselig, wenn er auf der Suche nach Gegnern, Streit und Lehrauseinandersetzungen gelesen wird. Der Brief verwandelt sein Gesicht, wenn man vom Beginn an die Sprache der Begeisterung und des Glücks über den großen Reichtum hört und ernst nimmt.2

Kraft Gottes

Diejenigen, die Zeichen suchen, finden skandalon: Stolperfalle, Gefahr, eher Hindernis denn Hilfe zum Glauben. Die Weisheit suchen, finden moria: Dummheit, Sinnlosigkeit, eher Verwirrung denn Hilfe zum Verstehen. Beide finden damit das Gegenteil dessen, was sie suchen. Dabei suchen beide etwas ganz und gar Nachvollziehbares: es liegt im Menschen ein Bedürfnis danach, seine Welt deuten und verstehen und gestalten zu können.

Zu sehen aber ist ein Messias, der am Kreuz ermordet wird. Die sich diesem Christus aussetzen – das „wir“ im Korintherbrief – finden in ihm dynamis theou (V. 18 und 24). Sie ist das Ziel der Argumentation des Paulus, der Gegensatz zu dem, was Juden und Griechen suchen und finden. Kraft Gottes, die sich in der Begegnung mit dem Wort vom Kreuz ereignet.

Leerschmerz“

Diese dynamis beschreibt Christian Lehnert3 als Paradoxon: eigentlich ist Gehalt des Wortes Dynamis: Kraft, Vermögen, Stärke, Kraftfeld. Dynamis wäre ein „Möglichkeitsraum“ – ist hier aber ein Raum, in dem ein ohnmächtiger Christus am Kreuz hängt. Absolut paradox. Lehnert nennt es „Leerschmerz“. Die darin liegende Kraft ist zunächst „nur“ die Fähigkeit, nicht den Blick abwenden zu müssen von einem dunklen, leidenden Gott.

Diesen Blick auszuhalten, heißt, der Kraft Gottes zu begegnen. Etwas zu erfahren, das mit Augen nicht zu sehen ist.

Polstersätze

„Juden“ und „Griechen“ im Sinne dieses Textes werden uns kaum begegnen im Deutschland des Jahres 2021. Ich modifiziere darum etwas: Der religiöse Fundamentalismus sucht ein System, mit dessen Hilfe er die Welt erklären kann – aber die Wirklichkeit entzieht sich einfachen Schemata. Die Populärphilosophie arbeitet mit Polstersätzen wie „alles hat einen Sinn“, alles wird gut“, „wir sollten uns auf das Wesentliche besinnen“ u.a. – damit aber sind die immer komplexer werdenden Verantwortungszusammenhänge und Handlungsoptionen nicht zu beantworten.

Das Ende der Phrasen

Wenn im Wort vom Kreuz die Kraft Gottes erfahren wird, ist das das Ende der Phrasen. Wo auch der Tod des Messias ohne abpolsternde Erklärung ausgehalten werden muss, ist vielleicht auch das zu finden, was helfen kann, das eigene Unerträgliche auszuhalten. Und wenn selbst Paulus dieses, was ihm doch so wichtig ist, nicht ausfaltet und erklärt, ist es vielleicht so: Es ist nicht zu erklären – sehr wohl aber zuzusprechen. In den vielerlei verschiedenen Trostbedürftigkeiten, die die Pandemie gebracht hat, ist kaum etwas so unerträglich wie Erklärungen und Beschwichtigungen. Dem allen stellt Paulus das Wort vom Kreuz gegenüber: die harsche Wirklichkeit, die eine Kraft erfahren lässt, die uns übersteigt. Gott sei Dank!

Nicht das Leid der Welt
und nicht der Tod
haben das letzte Wort,
sondern die Hoffnung
aus dem Geheimnis des Kreuzes

und der Auferstehung.
Du kannst die Welt lieben
in diesem Zeichen,
denn im Ausgespanntsein
zwischen Himmel und Erde
ist Jesus Christus in dir.

(Hanna Hümmer, in: Leise und ganz nah. Jahreslesebuch Walter und Hanna Hümmer, 2009, 97)

 

Anmerkungen

1 Vgl. Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth, 2013, 25.

2 A.a.O., 14.

3 Christian Lehnert, Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus, 2013, 67f.

 

Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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