Rückblick ohne Groll

Das Ende der Josefsnovelle

Der Abschnitt Gen. 50 bildet das Ende der spätalttestamentlichen sog. Josefsnovelle (Gen. 37-50). Sie erzählt rückblickend im Stil frühjüdischer Rollendichtung von dem Lebensweg Josefs, des jüngsten Sohnes von Jakob, seinem Konflikt mit den Brüdern und sein Leben im Umfeld des ägyptischen Herrscherhauses. Die Erzählung deutet Josefs Weg als verborgen von Gott geleitet, wobei Josef durch Tiefschläge im Leben geht, doch letztlich als glorreicher und nachsichtiger Stammhalter das Überleben einer ganzen Nation sichert. Die Erzählung bietet eine Fülle menschlicher Triebfedern wie Hass, Gewalt, Neid, Missgunst, Erniedrigung, Betrug, Hinterhalt, Fremdenhass, Macht, Angst, Verführung, Anmut und Liebe, berichtet aber auch über Aufstieg und Fall von Charakteren sowie die Bedrohung von Heimat als Lebensraum.

Die Deutung der Erzählung läuft am Ende auf eine Versöhnung der Familie und Neuorganisation der Familienbeziehungen hinaus. Maßgeblich dafür sind Racheverzicht und Vergebung des Hauptakteurs, Josef, sowie ein Bekenntnis und eine kniefällige Demütigung der familiären Übeltäter, Josefs Brüder. Dadurch führt Josef in Funktionsübernahme seines Vaters die Sippe weiter an und macht die Familie zukunftsfähig.

Neubewertung eines Lebenswegs

Der viel beachtete und zentrale Vers dieser Schlussperikope formuliert den Umschwung in der Rede Josefs an seine Brüder: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“ (50,20a). Die Neubewertung des Lebenswegs Josefs nimmt ihren Impuls aus der Deutung eines im Hintergrund geschehenen göttlichen Handelns zu Gunsten Josefs. Man könnte sich dabei an das deutsche Sprichwort erinnert fühlen: „Gott schreibt auf krummen Wegen gerade“; dies gilt allerdings nur als Sinndeutung für Leidenserfahrungen aus der Selbstperspektive von Opfern, es will keine gewalttätigen Unrechtstaten legitimieren oder rechtfertigen.

Nachdem die Geschichte das ungemein Belastende, ja schon fast unzumutbar Traumatische im Leben Josefs erzählt hat, erfolgt eine neue Deutung, die nicht nach der Schuld der beteiligten Menschen fragt, sondern die letztlich lebensermöglichende Zuwendung Gottes herausstellt, der allerdings über viele Stationen hinweg zunächst im Verborgenen agiert.

Theologisch bedeutsam ist die Interpretation von „Vergebung“, wie sie am Ende in den Worten Josefs erfolgt. Der hebräische Begriff dafür, nsa, bezeichnet ein „Aufheben, Tragen“, d.h. das Belastende an der Schuld durch gemeinsames (Er-)Tragen hinwegschaffen, überwinden. Die Schuld ist damit weder getilgt noch verschwunden, aber sie hat ihren belastenden und lähmenden Charakter verloren. Dies kann nur auf dem gemeinsamen Fundament des Gottesverhältnisses erfolgen, da Gott die einzige Instanz ist, die die Folgen der Schuld abwenden kann. Die von den Brüdern erhoffte Vergebung sagt Josef ihnen nicht zu; aber die Reaktion und Gesten Josefs versetzen sie in die Lage, mit ihrer Schuld der Gewalttat umgehen zu können. Indem so letztlich Versöhnung zwischen Opfer und Tätern erfolgt, um die zuvor auch intensiv von den Aktanten gerungen wird, ist schließlich Zukunft wieder möglich.

In christlicher Rezeption trägt zum Aspekt der Vergebung der Kreuzestod Jesu bei, wenn Christus die Lasten von menschlicher Schuld auf sich nimmt und sie damit den bekennenden Menschen abnimmt. Um dieses Thema kreisen auch die weiteren Texte des Sonntags. Dass dies in den Umgang der Menschen miteinander weiterwirkt, drückt schließlich der Wochenspruch Gal. 6,2 aus. Die Josefsnovelle leistet dazu ihren eigenen Beitrag, indem sie lebensgeschichtlich von Gewalt und Trauma und deren langwieriger Überwindung erzählt und dies mit einer theologischen Deutung aus einer rückblickenden Perspektive versieht.

 

Lieder

„Du bist mein Zufluchtsort“ (Kommt atmet auf (Kaa), 032)
„Wie ein Fest nach langer Trauer“ (Kaa, 052); die Stimmung gibt aus weiblicher Perspektive auch das „Mirjam-Lied“ (Das Liederbuch. Lieder zwischen Himmel und Erde, 299) wieder.

 

Antje Labahn

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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