Das abnehmende Licht verstärken

Der Gedenktag

„Wenn Johannis ist geboren, gehen die langen Tage verloren“, so heißt es im Volksmund. Naturjahr, Sonnenstand und Kirchenjahr kommen hier zusammen. Heidnische Sonnenwendfeiern wurden „christlich getauft“, um ein diffuses religiöses Gefühl mit den Mitteln der christlichen Religion, vom Christuszentrum her, zu kanalisieren, zu formen und zu bilden. In der westlichen Christenheit legte man das Fest der Christgeburt auf den 25. Dezember, um die Geburt Jesu als „Wintersonnenwende der Menschheit“ zu beschreiben: In der Nacht der Sünde und des Todes (Lk. 1,77ff) kann es mit Christus, dem Licht der Welt (Joh. 8,12), nur heller werden.

Der Gedenktag der Geburt Jesu (Wintersonnenwende) korrespondiert mit dem Gedenktag der Geburt des Vorläufers Jesu (Sommersonnenwende), wo es die kürzeste Nacht und den längsten Tag im Jahreslauf gibt. Ab diesem Termin werden die Tage immer kürzer und die Nächte immer länger. Der Täuferspruch aus Joh. 3,30 lässt das Geschehen in der Natur als Gleichnis für sein Verhältnis zu Christus erscheinen. Aus Lk. 1,36 rekonstruierte man als Geburtstermin des Johannes sechs Monate vor Weihnachten und landete nicht auf dem 25.6., sondern auf dem 24.6., weil die Monate Juni und Dezember unterschiedliche Längen haben und man das Fest jeweils am achten Tag vor Beginn des folgenden Monats ansetzte. Das Wachsen und Abnehmen der täglichen Sonneneinstrahlung hängt in der Natur mit dem Blühen und Vergehen von Pflanzen zusammen. Diese Vorgänge bleiben nicht ohne Einfluss auf das menschliche Gemüt und das Gewahrwerden der eigenen Vergänglichkeit.

Textimpulse

Was könnten geistliche Medikamente gegen den Schrecken der Vergänglichkeit sein? Es geht beim Glauben zentral um das Zutrauen zu den Verheißungen Gottes (V. 13ff), dem mehr möglich ist als Menschen für möglich halten. Zacharias zweifelt (V. 18) und muss sich Unglauben attestieren lassen (V. 20), wird ins Verstummen geschickt (V. 20). Diese Zeit ist offenbar eine Zeit von nötigen Reifungsprozessen. Am Tag der Beschneidung bestätigt er gegen alle Konventionen die Namensgebung seiner Frau schriftlich (V. 63), kann danach wieder sprechen und kommt zum Gotteslob (V. 64).

Die Namensgebung vollzieht den Glaubensgehorsam gegenüber der Weisung des Engels (V. 13). Darin leuchtet zugleich die respektvolle Erkenntnis auf, dass Gott der eigentliche Autor der Lebensgeschichte des späteren Täufers ist. Die Namensgebung drückt aber auch die tief religiöse Erkenntnis und den existentiellen Dank für das Wunder des Kindersegens im hohen Alter in einer tief symbolischen Bedeutung aus: Gott ist gnädig (Johannes). Hört man den Namen programmatisch, dann heißt das: Alles, was Johannes als Vorläufer Jesu tat und sagte, auch das Aufrüttelnde und Verstörende, ist Bestandteil einer Gnadenintention Gottes.

Matthias Grünewald hat auf seinem berühmten Isenheimer Altar in Colmar die Gestalt des Johannes mit einem Zeigefinger aufs Lamm dargestellt: Der Vorläufer ist der Hinweisgeber auf Christus (Joh. 1,29).

Fazit

„Die Sommersonnwende wird im Brauchtum durch ‚Lichtverstärkung‘ gefeiert. Wenn das Licht schwächer, es also Abend oder Nacht wird, entzündet man Feuer, um das Licht zu ‚verstärken‘, die Nacht zu erleuchten, in der Nacht dem Licht über seine momentane Schwäche hinweg zu helfen“ (https://brauchtum.de/de/sommer/johannistag.html). Zum „Mittsommer-Weihnachtsfest“ kann man gegen alle „Depressions-Anfechtungen“ vom Evangelium her das Licht verstärken (Vgl. EG 473,4): Man achte auf die glaubensstärkenden Verheißungen Gottes und Christi. Man frage nach den Gründen des Dankes im Alter. Man achte auf die Gelegenheiten, wo man sich selber wie Johannes in eine Aufgabe hineingibt, die größer ist als das eigene Ego.

 

Thomas Ehlert

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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