Herzliche Einladung!

Teilhabe und Ablehnung

Jesus is(s)t bei Zöllnern und Sündern (zu Gast). Er lässt sich einladen von denen, welche anderen Unrecht taten, deren Lebenswelt abstoßend und deren Verhalten unsauber erscheint. Die Frommen und Gebildeten gehören zu ihren Verächtern. Sie schauen zu und ärgern sich. Ihre Kritik schlägt Jesus entgegen, weil er sich einlässt, wenn die Sünder ihn einlassen, weil er ihnen auf Augenhöhe begegnet, weil er hört, was sie zu sagen haben, und mit ihnen isst und feiert. Jesus ermöglicht ihnen Teilhabe, würde man heute sagen, genauer: Er nimmt an ihrem Leben teil und gibt teil an seinem. Partizipation bedeutet für ihn allerdings das Todesurteil der Gerechten.

Über wen reden wir?

Wer ist gemeint, wenn Jesus die beiden Gleichnisse vom verlorenen Schaf und der verlorenen Münze, zusammen mit dem anschließenden vom verlorenen Sohn, erzählt? Die anderen? Die Sünderinnen? Die Gesuchten und noch zu Findenden? Die Verlorenen, von uns noch zu rufen? Die Bekehrten, aus der Masse der Verlorenen herausgefunden? Über wen reden wir, wenn wir die Gleichnisse predigen? Diese meinen nur uns. Sie enthalten den Umkehrruf an eine milieuverengte Kirche. Kommt zum Fest mit den Sündern!

Es geht nicht um die anderen. Es geht auch nicht um niemanden. Man könnte sich predigend aus der Affäre ziehen und über „Gesucht & Gefunden“ sprechen – Geschichten und Geschichtchen gäbe es viele (meine Jacke, nach einem Vierteljahr an einer Gemeindehausgarderobe wiedergefunden …). Der Sinn dieser Gleichnisse ist aber nicht, über das Verlieren und Finden zu sprechen, sondern die Berührungsängste der Frommen in die Freude des himmlischen Festes zu tauchen.

Aufeinander angewiesen

Allein hätte das Schaf nicht zurückgefunden. War es verwundet? Behindert? Schwach? Alt? Menschen in sozialen Berufen wissen, dass es schier unmöglich ist, allein herauszukommen, wenn jemand einmal in die Spirale eingetaucht ist. Können wir uns ausruhen, wenn die anderen fehlen? Der Hirte hat die Herde verlassen. Sie war auf sich gestellt und alle wurden – unfreiwillig – damit konfrontiert, dass eines fehlte.

Fehlt eines, stehen alle in der Wüste. Fehlt eine, sind alle verlassen. Wenn nur einer fehlt, gibt es kein Fest (selbst wenn das Fest ohne diese bestimmte, spezielle Person leichter, einfacher, festlicher scheinen könnte). Es ist eben nicht jeder selbst sein Nächster, nicht jede Gemeinde ihre eigene Erfüllung.

Gott ist wie die Frau mit den bescheidenen Mitteln, welche die verlorene Münze braucht und darauf angewiesen ist. Keine darf verloren gehen.

Kommt mit!

Die Frau ruft ihre Nachbarinnen und Freundinnen und lädt sie ein sich mitzufreuen. Im Orient heißt das: essen und trinken. Aber, tangiert die wiederentdeckte Münze wirklich die Nachbarinnen? Der Hirte geht zu seinem Haus und lädt dorthin seine Freunde und Nachbarn ein, natürlich zum Essen. Geht ein Hirte wirklich nach Hause, um zu feiern?

Die Gleichnisse betonen das Unübliche. Unüblich ist auch, dass die Frommen Freude empfinden, wenn die Speziellen kommen. Diejenigen, die sich schon länger als Zugehörige des Reiches Gottes wissen, haben nicht selten wenig Verständnis für die Außenseiter. „Keiner sei gegen den anderen, keiner ein Heuchler“, heißt eine klassische Einladung zur Beichte vor dem Abendmahl. In diesen Gleichnissen gilt die Einladung zum Fest nicht den noch zu Suchenden, sondern den bereits Gefundenen (V. 6+9+24+32).

Höchste Zeit, wieder Abendmahl zu feiern

Der Gedanke des Festmahls ist konstitutiv sowohl für diese Gleichnisse als auch für unsere Gottesdienste: „Es war notwendig, fröhlich zu sein und sich zu freuen“ (V. 32). In Zeiten der Pandemie wird diese Einladung umso nötiger – die hygienisch angemessene Umsetzung ist machbar. Feiern wir wieder, feiern andere mit. Herzliche Einladung!

 

Lieder

EG 250 „Ich lobe dich von ganzer Seelen“
EG 353 „Jesus nimmt die Sünder an“
EG 221 „Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen“
EG 251 „Herz und Herz vereint zusammen“

 

Markus Schmidt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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