Sturm ohne Wind

Liebesprophetie

Am Anfang der Perikope ist der Sinn aller Rede in drei Worten benannt: „Strebt nach Liebe.“ Im Sinne des Wochenspruchs könnte es auch heißen: „Kommt zu Christus“ (Mt. 11,2). Im Motiv der Liebe bzw. „Gott als Liebe“ knüpft der Abschnitt bei 1. Kor. 13 an.

Mitten im Juni 2021 werden wir vermutlich wissen, was an Fürsorge, Regeln und Strategien geholfen hat. Oder alles nichts? Zumindest werden auch am 2. Sonntag nach Trinitatis die prophetischen Rednerinnen im „Coronäon“ leicht auszumachen sein. Vielleicht werden wir den einen lauter Dankbarkeit entgegenbringen, anderen Laschheit vorwerfen und zugleich nochmal verwundert betonen, wer nicht alles in verschwurbelten Zungen geredet hat. Prophetische Politiker und vorausschauende Virologinnen werden den Höhepunkt an Widerstand und Drohungen erfahren und hoffentlich hinter sich haben; eine Erfahrung, die schon Propheten anderer Äonen ebenso erleben mussten. Gerade weil sie nun mal von dem reden, von dem sie (her) reden müssen. Sie reden nicht von dem, was gefällt; weder ihnen selbst noch anderen. Prophetische Rede ist Rede von ihrem Inhalt her (vgl. V. 3) und bewusst nicht vom Amt abhängig. Sie ist stürmisch, doch ohne Gewalt.

Ein Gottesdienst ohne viel Wind

Vielleicht helfen Fragen aus dem Text heraus, um zum Gottesdienst des Sonntags zu finden: mit wenig Worten, doch mit erbaulichen Gesten, tröstender Stille, fröhlichem Flöten- und Harfenspiel. Alles in allem ein Gottesdienst ohne viel Wind (V. 9). Die Frage des Inhalts ist die nach dem, was vermutlich kurz nach dem Lockdown erbaut, ermahnt, tröstet (V. 3)? Gehört die Erkenntnis dazu, dass wir in der Kirche zu viel in Zungen reden, die im Inneren sich nur mit sich selbst beschäftigen? Welche strategischen Instrumente werden in dem Moment leblos, in dem wir uns als Kirche selber erhalten wollen? Oder finden wir – gerade mit Kirchenmusiker*innen, mit Harfen und Flöten zusammen feste und mobile Orte, die zur liebevollen Gotteserfahrung werden können? (V. 7)

Nach dem Lockdown ist momentan vor dem Lockdown. Und doch brauchen wir lebenserhaltende Visionen, die uns heute schon helfen, eines Tages wieder zu lernen, wie wir uns die Hände reichen, wie wir uns umarmen, damit aus Abstandsregeln keine panisch-pandemische Abstandsgewohnheit wird.

Sprachseelsorger*innen

Neben dem bekannten prophetischen Amt der Kirche für die Welt, könnte es auch ein prophetisches Amt der Welt für die Kirche geben; letztlich auch um diesen binären Code von drinnen und draußen zu überwinden. Prophetische Persönlichkeiten treten in allen Zeiten auf, die klare Posaunentöne von sich geben. Manchmal tun sie das ungefragt. Ich würde mir wünschen, wir bitten die flügge gewordenen, doch kirchensympathischen um diesen Gegenwind mit der Leidenschaft für eine – fremd gewordene – Kirche, damit sie sich „rüstet“, um mit deutlichen Worten zu handeln. Stürmisch, ohne viel Wind zu machen.

Dafür braucht es mit V. 11 ein Wissen um die Bedeutung der Sprache und die Ahnung, dass wir an unserer Sprache „verrecken“, wenn uns keiner mehr versteht. Auch wenn ich das drastische Wort nicht mag, so meint es letztlich ein „unwürdiges Sterben“. Es ist der Botschaft nicht würdig, sie unverständlich werden zu lassen. Wer sich um die Sprache sorgt, wird das nicht um ihrer selbst willen tun, sondern darum, dass sie wirksam wird.

Ich will lernen, meine Floskeln zu entwirren. Statt Phrasen will ich wirklich fragen, und nicht rhetorisch. Aus dem vereinnahmenden Wir will ich vielfältig Ich sagen. Das gilt für die kirchliche Rede und viele andere öffentliche Reden, die nicht mehr verstanden werden. Ich vermute, wir sind für Menschen Fremde geworden, die reden und reden. Und wenn wir einfach mehr reden, kommen wir keinem näher.

Der letzte Vers der Perikope (V. 12) kommt jedoch der Aufgabe des Sonntags näher: zum Reden kommen die Gaben des Geistes dazu. Das ist nicht gerade floskelfrei, auch noch nicht konkret. Zusammengefasst nennt es die Perikope das „Streben nach Liebe“ (V. 1).

Prophetieliebe

Für die Leser*innen von 1. Kor. 14 und 13 wird die Sprachwelt Liebe und Prophetie aufwühlend, politisch, widerständig, emotional geladen gewesen sein. Beiden Phänomenen ist gemeinsam, das sie zwischen Gott und Mensch Beziehungen aufbauen: emphatisch und verantwortlich, im Sinne eines für-einander Hingebens und Einstehens. Eros und Amor. Leidenschaft und Energie. Liebende Propheten und prophetische Liebe – sie sind ans Wort gebundene, im Glauben verwurzelte, an Visionen sich ausrichtende Stürmerinnen. Propheten sind Getriebene in der Partei der Unterdrückten, mit einer Option für die Armen und dieser einzigartigen Hoffnung, die zuletzt nicht stirbt. Ihre Sprache ist ihr Leben. Handeln ist Ausdruck ihrer Grammatik. Drastische Metaphern, scharfe Polemik ist der Prophetie so zu eigen, wie wir sie gegenwärtig vermutlich vor allem der Kunst zutrauen und zugestehen.

Ich halte die Predigt weiterhin für eine Kunst unter den Künsten: spürbar, drastisch, lebenswirklich. Man kann es an den Gesichtern gegenwärtiger Prophet*­innen lesen. Diese Aufgabe zerrt am Körper. Auch davon können biblische Propheten erzählen, wenn Gottes Botschaft Körper, Geist und Seele befällt. Vermutlich ist es dem Moment des Verliebtseins vergleichbar, in dem der Schmerz mit geboren wird. Ach, wenn ich doch so prophetisch predigen könnte, dass verborgene Herzen offenbar und Gott wahrhaft werden (V. 25). Vermutlich fängt Streben nach Liebe und prophetisches Predigen immer mit einer solchen Bitte an.

Lieder

Zur Liebesprophetie als Eingangslied: EG 262 „Sonne der Gerechtigkeit“; als Alternative zu dem Abendmahlswochenlied: EG 277 „Herr, deine Güte reicht“ (Bezug zu Ps. 36); für den „Sturm ohne Wind“: EG 568 „Preisen lasst uns Gott, den Herrn“; als Segensstrophe zur „Prophetieliebe“ inkl. Schmerzmotiv: EG 449,8 „Die güldene Sonne“.

 

Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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