Geborgen am Herzen Gottes

1. Jona im Gottesdienst

Ich liebe die Jona-Geschichte. In meiner Kinderbibel mit den Bildern von Kees de Kort ist Jona abgebildet, wie er im dicken Bauch des Walfisches sitzt. Aus Stühlen, Decken und Kissen bauen wir in der Kinderkirche den Bauch des Walfisches nach. Jedes Kind darf einmal hineinkrabbeln und sich auf einem Kissen zur Ruhe legen. Die übrigen Kinder draußen imitieren mit pfeifenden Geräuschen und Decken den Sturm. Und drinnen, im Fischbauch? „Hier ist es richtig gemütlich“, bemerkt ein Junge. „Ich höre das Herz des Walfisches klopfen.“

Die Jona-Geschichte macht es Kindern leicht, Geborgenheit, Wärme und Liebe nachzuempfinden. Dass Jona im Fischbauch betet, befremdet sie nicht. „Im Bauch ist es dunkel und ruhig. Hier kann ich mit Gott reden und er hört mir zu“, fasst es ein Mädchen in der Kinderkirche zusammen.

Der Symbolgehalt der Geschichte ist sehr stark und lässt sich mittels weniger Requisiten leicht inszenieren. Viele erklärende Worte sind nicht nötig. Hier ist ein Mensch in Not und wird von Gott aufgefangen und beschützt. Bei Gott sind wir geborgen. Zu Gott dürfen wir beten, und er hört uns zu.

2. Zur Situation der Kirche

Corona bleibt auch 2021 für uns alle herausfordernd. Ich finde es erschreckend, Kirchengemeinden oder Institutionen zu sehen, die das zurückliegende Jahr nicht gut überlebt haben und deren Leben mittlerweile fast tot ist. Kurz gesagt: Es wird nur noch verwaltet, nicht mehr gestaltet!

Andere Gemeinden sind in der Krise gewachsen. Anders als Gruppen, Kreise und Sitzungen dürfen Gottesdienste weiter stattfinden. Kreative Gemeinden nutzen diesen Freiraum für sich und öffnen weit ihre Tore. Veraltete Gottesdienstschemata werden über Bord geworfen. Die Akteure sprudeln über vor Ideen. Wie macht es plötzlich wieder Spaß, Gottesdienste zu feiern!

3. Gottesdienst als „Zwischenraum“

Jona ist auf der Flucht. Auf dem Schiff spitzt sich die Lage lebensgefährlich zu. Rettung und Ruhe gibt es erst im Bauch des Fisches. Hier nutzt Jona für sich die Zeit und feiert einen kleinen Gottesdienst. Er faltet die Hände und ruft zu Gott. Sein Gebet ist ein großes, inbrünstiges Dankeschön an Gott. Auch in der größten Not fühlte er sich nie von Gott verlassen. Denn: „Hilfe ist bei dem HERRN!“ (2,10).

In einer Predigt zu Jona 2 bezeichnet Hans-Martin Gutmann die Ruhe nach dem Sturm, die Gott Jona im Fischbauch schenkt, als einen von Gott gewährten „Zwischenraum“ (Hans-Martin Gutmann, wise1617-10-17-16-gutmann.pdf (uni-hamburg.de) 12.03.2021, S. 1): „Die Szene im Fischbauch ist für Jona offenbar keine grausliche Erfahrung gewesen. Eine Auszeit: Ruhe nach dem Sturm. Gott schenkt dem Jona einen Zwischenraum. Einen sicheren Ort. Jona kann sich verpusten.“ (ebd.)

Ich frage mich: Kann auch unser Gottesdienst ein solcher Zwischenraum sein? Dies ist zurzeit meine Erfahrung in vielen Kirchengemeinden. Selbst von kirchenfernen Menschen erhalten wir viel positive Rückmeldung: „Toll, was Sie alles machen!“ oder „Dieser Gottesdienst war ganz anders. Viel offener und freier. Das hat mir gutgetan!“ oder „Wahnsinn, wie kreativ und flexibel Sie sind!“ Auch für mich als Predigerin ist dies eine beglückende Erfahrung. Ich bin überzeugt: Lebendige, vielfältige Gottesdienste sind immer der Mittelpunkt einer lebendigen Gemeinde.

4. Aus Gnade leben

Damit komme ich zurück auf Jona. Als Jona im Fischbauch seinen kleinen Gottesdienst feiert, dankt er Gott von Herzen für seine übergroße Liebe. Jona ehrt Gott, der ihn wertschätzt und anerkennt trotz seines vorherigen Scheiterns. Vertrauensvolle, wertschätzende Liebe, trotz unserer Fehler und Schwächen, tut so unendlich gut, gerade in diesen herausfordernden Zeiten. „Du bist Gott wichtig. Du bist wertgeschätzt vor Gott!“ Wir alle leben aus Gottes Gnade, aus Gottes Liebe, unabhängig von unserer Leistung. Diese Erfahrung stärkt Jona und macht ihn bereit für seinen weiteren Auftrag.

Wir feiern Gottesdienst aus Lebensfreude, Glück und Dankbarkeit, gerade in diesen Tagen. Liebevoll vorbereitete Gottesdienste schaffen eine positive geistliche Atmosphäre. Sie sind ein Zwischenraum, der uns verwandelt. Am Herzen Gottes zu ruhen, wie der Junge unter den Stühlen, Decken und Kissen, ist eine Erfahrung voller Liebe. In der Kinderkirche und auch für uns Erwachsene.

 

Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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