Wie bei einer Geburt

I

Waren Sie schon mal bei einer Geburt dabei? Für mich war das ein beeindruckendes Erlebnis: Neues Leben erblickt das Licht der Welt. Ein Kind, das sich nun zu einem eigenständigen Wesen entwickelt. Es strampelt. Es schreit. Es trinkt. Es entdeckt die Welt. Es wächst. – Was für ein Wunder im Kleinen, obwohl täglich über 2000 Kinder in Deutschland geboren werden! Welche Freude bei Eltern und Verwandten, dass das Leben weitergeht!

Die Geburt eines Kindes wird in der biblischen und geistlichen Literatur gern als Metapher für Lebensübergänge in Gottes neue Welt verwendet.1 Nicht nur in Joh. 3, auch in 16,21 greift Jesus dieses Bild auf, da allerdings in Bezug auf das zukünftige Wiedersehen mit ihm, wo Trauer und Angst in Freude verwandelt werden: „Es ist wie bei einer Frau: Sie leidet Schmerzen, wenn sie ein Kind zur Welt bringt – ihre Stunde ist gekommen. Aber wenn das Kind geboren ist, denkt sie nicht mehr an ihre Angst. Sie freut sich nur noch, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.“2

II

Im Gespräch mit Nikodemus illustriert Jesus mit der Wiedergeburt die notwendige Voraussetzung, um in das Reich Gottes zu kommen (Joh. 3,3.5). Nur wer neu, also „von oben“, geboren ist, ist ein Kind Gottes und hat Zugang ihm.

Ein ähnliches Bild greifen Mk. und Mt. auf: Zugang zum Gottesreich haben nur die, die umkehren und wie die Kinder werden. Freilich ist der Akzent bei Joh. etwas anders gesetzt. Die Betonung liegt nicht auf der Umkehr des Menschen, sondern auf Gottes Handeln „von oben“, das sich wie bei der Geburt eines Kindes zeigt.

III

Die wiederholten Missverständnisse des Nikodemus zeigen, dass die Bilder bei Joh. (bei den Synoptikern stehen dafür die Gleichnisse) in der richtigen Weise gedeutet und verstanden werden wollen. Dieses Verständnis ist nur den Jüngern bzw. den gläubigen Lesern gegeben. Die Nicht-Glaubenden sind diejenigen, die Jesu Bildsprache nicht verstehen.3

Jesus spricht mit Nikodemus von einem Glauben, der vom Heiligen Geist geschenkt wird (Joh. 3,5f.8). Bei ihm steht deshalb die geistliche Geburt im Fokus. Gottes Kinder sind „nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren“, heißt es gleich am Beginn des Evangeliums (Joh. 1,13).

Exklusiv und konfrontativ benennt der Evangelist, dass der Heilige Geist die entscheidende Wandlung im Menschen bewirkt. Wie dies heute in verschiedenen Schritten wie bei einer Geburt möglich werden kann, wird in einigen Glaubenskursen anschaulich ausgeführt.4 Weil im Joh. Christus immer selbst zentraler Inhalt der Bildworte ist,5 bedeutet von „oben geboren“ werden: In der Taufe aus Wasser und Geist wird der Glaubende Jesus ähnlich, der vom Himmel herabgekommen ist (Joh. 3,5.13).6

IV

Fazit: Es reicht nicht, heimlicher Sympathisant Jesu zu sein wie Nikodemus. Gott will keine Bewunderer, sondern Menschen, die ihr Sein grundlegend verändern lassen. Das hat Konsequenzen über den Einzelnen hinaus: „Das soll die Kirche nach Gottes Willen sein: eine geistliche Geburtsklinik, in der Tag für Tag Menschen ‚zum Glauben kommen‘ und in diesem Sinne neu geboren werden.“7

 

Anmerkungen

1 Vgl. beispielsweise Luthers Sermon von 1519 „Von der Bereitung zum Sterben“. In Anknüpfung an Joh. 16,21 wird beim Reformator das natürliche Sterben als Übergang zum ewigen Leben mit der natürlichen Geburt in Beziehung gesetzt.

2 Zitiert nach der BasisBibel, Stuttgart 2021.

3 Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloh 2. Aufl. 2012, 338.350.

4 Vgl. Wolfram Kopfermann, Farbwechsel. Ein Grundkurs des Glaubens, Glashütten 9. Aufl. 2009, 155-166.

5 Vgl. dafür etwa die sieben „Ich-bin-Worte“.

6 Berger, a.a.O., 350.

7 Kopfermann, a.a.O., 164.

 

Albrecht Schödl

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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