Held*innen des Glaubens

Held*innen des Alltags

Unter dem Titel „Held*innen des Alltags“ geben die ARD-„Tagesthemen“ Menschen ein Gesicht, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen. In der Corona-Zeit waren es Pflegekräfte, Menschen, die Masken nähten, ein Polizist, eine Kassiererin, ein Betreuer von Menschen mit Beeinträchtigungen, ein Tafelmitarbeiter und – sogar eine Seelsorgerin. Die Serie sollte Menschen mit Aufmerksamkeit ehren, deren engagierter Einsatz für Andere geschieht.

Was toll ankommt, bringt nicht weiter

Im Leben der Gemeinde in Korinth haben es Charismen ebenfalls schwer, die unspektakulär die Gemeinschaft stärken. Wahrnehmbar nach außen und wirksam im Innern sind zum einen wortmächtige Weisheitslehrer: Es tritt eine Gruppe auf, die unter dem Motto „alles ist erlaubt“ (8,23) sich nicht nur über etwaige Skrupel beim Verzehr von Götzenopferfleisch hinwegsetzt, sondern mit überlegenem Wissen auch ängstliche Gemeindemitglieder überzeugen will. Zum anderen wird die Zungenrede als attraktive religiöse Performance hochgeschätzt. Mit diesen Manifestationen des Glaubens setzt sich Paulus in den ersten vier Kapiteln auseinander. Er beobachtet allerdings, dass sie eher gemeindespaltend als aufbauend wirken.

Die „wirksamen Kräfte“ des Geistes

Paulus wird nicht müde zu betonen, dass die Charismen von ihrer Wirkung her beurteilt werden müssen; so auch hier, wenn er von den wirksamen Kräften spricht, die aus den Gaben des Geistes resultieren. Sie sollen „zum Nutzen ­aller“ (V. 7) sein, und der Liebe ent­sprechen.

Auffällig ist die umgekehrte trinitarische Reihenfolge in V. 4-6: Weil es sich um ein und denselben Geist handelt, muss bei den Äußerungen des Geistes der Zusammenhang mit der Verkündigung von Jesus Christus gesehen und müssen sie in ihrer Wirksamkeit auf den zurückgeführt werden, der da „alles in allem wirkt“. Die Gaben, die jedes Gemeindeglied von Gott mitbekommen hat, soll sie oder er also zum Nutzen der gesamten Gemeinde einbringen – „gabenorientiert“ nennen wir das heute.

Keine Hierarchie der Gaben

Die Prioritätenliste der Korinther Gemeinde relativiert Paulus kräftig. Er führt eine Reihe von Geistesgaben an, bei denen die Gemeinde wohl zustimmen wird, die er aber als gleichbedeutend einstuft. Nicht ungeschickt erweitert er diese Liste noch um die Prophetie sowie die Auslegung der Zungenrede. Letztere stärkt ja die Gemeinschaft, weil sie zum Verständnis dieses religiösen Phänomens in Blick auf die Verkündigung beiträgt. Indem er die Prophetie hinzufügt, rückt er die Erkenntniskraft, die aus der hochgeschätzten weisheitlichen Rede erwächst, in die Richtung einer konkreten Wegweisung für die Zeit. Religiöse ­Enthusiasten tun sich damit bekanntermaßen schwer.

Trotz aller Relativierung bleibt es eine Aufzählung besonderer Gaben, die die Korinther überzeugen (dabei die Gabe, gesund zu machen, Wunder zu tun, die Geister zu unterscheiden). Bei den „Held*innen des Glaubens“ sind wir damit zwar nicht angekommen, doch die Diskussion ist damit eröffnet, was denn alles noch zur Auferbauung der Gemeinde gehört.

Die Kräfte des Geistes, empirisch gesehen

Heute, 2000 Jahre später, unterhalten wir uns weniger über Gnadengaben und wirksame Kräfte. Doch in einer Kirche, die „zukünftig weniger Mitglieder und weniger Ressourcen haben wird“ (Zwölf Leitsätze der EKD), wird um Prioritäten gestritten: „Strukturen und Angebote können nicht im jetzigen Umfang fortgeführt werden.“

Nun muss unsere Kirche ohne Zweifel in der medialen Öffentlichkeit präsent und die Performance gut sein. Doch nicht weniger wichtig ist es, die Beziehungen zu stärken, die Menschen ganz persönlich in ihrem sozialen Umfeld haben, zu ihrer Gemeinde vor Ort. Gerade in diesen Zeiten, in denen die Vereinsamung Thema ist.

Die von den Korinthern hochgeschätzten Charismen macht Paulus nicht madig. Doch er stellt dem andere Gaben zur Seite, die es mit der gemeinsamen Beziehung zu Christus und mit der Stärkung und Wegweisung fürs Leben zu tun ­haben.

In Beziehung bleiben

Trotz medialer Verkündigung des Evangeliums bleibt das persönliche In-Beziehung-Bleiben die Herausforderung. Vielleicht dürfen wir heute die Liste des Paulus ergänzen durch die Gnadengabe des „Den-Kontakt-per-Brief-und-Telefon-Haltens“ oder des „Mal-bei-der-Nachbarin-Nachfragens“ oder „Die-Kirche-Offenhaltens“ oder „Mit-Jugendlichen-in-sozialen-Medien-verbunden-Bleibens“ Da sind die „Held*innen des Glaubens“ gefragt, sie wirken unspektakulär nach innen – doch in demselben Geist.

 

Martin Müller

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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