Geistesfrühling

Eine Anti-Pfingstfest-Geschichte

Der Predigttext stellt die eindrücklichste Anti-Pfingstfest-Geschichte der Bibel dar. Wir befinden uns im Frühling der Menschheit, als noch alle Menschen beieinander wohnten und in der gleichen Sprache redeten. Und was fördert das Gemeinschaftsgefühl mehr als ein Prestige-Projekt, das alle Kräfte zusammenfasst? Auf den ersten Blick muss man dem Turmbau zu Babel Respekt zollen. Was soll schlecht daran sein, für die Einheit und für den Frieden der Menschheit zu kämpfen? Trotzdem hat das Vorhaben einen merkwürdigen Beigeschmack. Der Auftrag Gottes, die Erde zu füllen, gehört nach der Urgeschichte zur Bestimmung der Menschheit. Davon will sie in unserer Geschichte jedoch ganz und gar nichts wissen. Überdies hat das gigantische Bauprojekt nur das eine Ziel: Die jugendliche Menschheit will sich einen ­Namen machen. Sie steht zu ihrer Selbstherrlichkeit und fühlt sich gut dabei.

Gottes Auftritt beginnt mit einer großartigen Ironie. Nicht etwa weil Gott kurzsichtig ist, sondern weil er riesenhoch wohnt und das Werk der Menschheit so winzig ist, muss er herniederfahren, um überhaupt etwas zu erkennen. Die Verwirrung der Menschen entsteht dadurch, dass der eine nicht mehr hört, was der andere sagt, der neben ihm arbeitet. Wörtlich übersetzt heißt es: „Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, damit einer den andern nicht mehr hören kann!“ (V. 7).

Das Ende des Hörens ist das Ende des Miteinander-Redens und der Beginn der Entzweiung. Der deutsch-jüdische Sprachdenker Eugen Rosenstock-Huessy schrieb: „Sprechen heißt Frieden schließen und Frieden pflegen. Das sieht man schon daran, dass jeder Abbruch friedlicher Beziehungen zum Aufhören des miteinander Sprechens führt.“ Aus dem Nicht-mehr-Hören-Können folgt für die Menschheit in Babel das Zerbrechen ihrer Gemeinschaft, das Ende des Friedens und das Auseinandergehen.

Das Wunder unerwarteten Verstehens

Alle Einheits- und Friedensträume der Menschheit scheinen endgültig ausgeträumt. Aber mitten in ihrer Trostlosigkeit scheint ein Lichtstrahl der Hoffnung auf. Das Gericht Gottes über die Selbstüberhebung der Menschheit ist kein gnadenloses. Die Strafe Gottes ist zugleich ein Akt der Bewahrung. In Gottes Gericht ist seine Gnade verborgen! Durch die Zerstreuung wurde die Menschheit daran gehindert, sich selbst an Gottes Stelle zu setzen. Zerteilt in viele Völker, eröffnet Gott der Menschheit eine Form des Daseins, in der sie leben und sich entwickeln kann.

Die Pfingstgeschichte in Apg. 2 stellt die Anti-Erzählung zur Turmbaugeschichte dar. In Jerusalem ereignete sich das Wunder eines neuen, gänzlich unerwarteten Verstehens. An Pfingsten begann die Geschichte eines universalen Verstehens. Kraftvoll wie ein Sturmwind brauste der Geist Gottes und überwand die Grenzen zwischen Völkern und Sprachen. Die Folge war, dass Männer und Frauen, Alte und Junge, Sklaven und Freie ganz unterschiedlicher Nationalität zum Glauben an den auferstandenen ­Jesus Christus kamen und sich taufen ließen.

Die junge Christenheit erlebte einen Geistesfrühling, der in der Folgezeit zu einer ganz neuen Gemeinschaft zwischen Menschen aller Rassen und Nationen führte. Es gehört seitdem zum Auftrag der Christenheit, die Überwindung der Zersplitterung der Menschheit in viele Völker, die einander feindlich gegenüberstehen, zeichenhaft sichtbar werden zu lassen. Die Einheit der Weltchristenheit ist eine Einheit, die durch den Geist Gottes gewirkt wird. Sie sollte nicht mit der politischen Aufrichtung eines sichtbaren Welteinheitsreiches verwechselt werden. Alle derartigen Versuche den Weltfrieden herzustellen, waren bisher zum Scheitern verurteilt. Allein im Vertrauen auf den Geist Gottes, durch Inanspruchnahme der Vergebung Jesu Christi, ist Frieden zwischen Menschen und Völkern dauerhaft möglich.

 

Peter Zimmerling

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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