Quelle des Lebens

Kraftquellen

„Wo finde ich Kraft? Wo kann ich auftanken? Was sind meine persönlichen Kraftquellen?“ Eine Runde von angehenden Hospizhelferinnen soll darüber nachdenken. Jede für sich. Alle schreiben ihre eigenen bewährten Kraftquellen auf kleine bunte Zettel. Denn an der Seite von Schwerstkranken und Sterbenden werden sie darauf zurückgreifen. Immer dann, wenn sie selbst Kraft tanken müssen für die Begleitung, und auch wenn der oder die andere neue Kraft braucht auf dem Weg.

Kraftquellen? Die Ergebnisse sind so bunt und vielfältig wie das Leben: spazieren gehen, am Meer sein, aufräumen, ein Gespräch führen, Musik hören, beten, in den Wald gehen, Klavier spielen, sich erinnern – noch vieles mehr wird genannt.

Jesus als Kraftquelle

„Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt.“ Die Übersetzung der Basisbibel zieht Joh. 7,37.38a so zusammen, dass der Parallelismus aufgeht. Man meint, ein weiteres der berühmten Ich-bin-Worte zu hören. So als müsste Joh. 6,35 noch ergänzt werden: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern. (Ich bin das Wasser des Lebens.) Wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ Wer aus dieser Quelle schöpft, aus dessen Innerem werden „Ströme lebendigen Wassers“ fließen, so heißt es weiter. Ein Nehmen und Geben. Das Ich-bin-Wort und das Teilen von Broten und Fischen liegen ja auch in Joh. 6 nah beieinander.

Diese symbolisch stark aufgeladenen Sätze Jesu werden im Joh. in den Kontext des Laubhüttenfestes gelegt. Es ist eines der großen Pilgerfeste, der Dank für die Ernte wird gefeiert und vor Gott gebracht. Am Morgen gibt es eine Wasserprozession vom Teich Siloa zum Tempel. „Lebendiges Wasser“ bezeichnet das Quellwasser im Unterschied zu Wasser aus einer Zisterne. Die Botschaft ist klar: Eine Quelle versiegt nicht. Zukkot, das Laubhüttenfest, erinnert an den Weg durch die Wüste unter Gottes Führung. Brot, das vom Himmel kommt (Ex. 16), und Wasser, das aus einem Felsen quillt (Ex. 17), helfen dem Volk, in der Wüste zu überleben (vgl. auch Ps. 78,20).

Das Jesuswort bewegt sich so im Wahrheitsraum der hebräischen Bibel. Die Anspielungen sind deutlich: Gott selbst gilt seit jeher als Quelle lebendigen Wassers (Jer. 2,13; Jes. 12,3; Ps. 42,2f). So auch der von ihm Gesandte.

Der Glaube als Kraftquelle

So lässt sich in der Predigt vom Glauben als Kraftquelle erzählen. Wohin gehe ich, was tue ich, um daraus zu schöpfen? Was nährt mein Vertrauen? Was brauche ich selbst und was kann ich anderen geben, um sie zu stärken? Es wird nicht immer gleich um Leben und Tod gehen wie bei den Hospizhelferinnen und ihrer Arbeit an der Seite von Sterbenden. Aber den Glauben als Kraftquelle zu kennen, wird in den Wüstenzeiten des Lebens helfen. Nicht nur dann, sondern auch wenn die Sehnsucht nach Veränderung groß ist. Denn zur Erinnerung an die Wüstenzeit gehört die Erwartung der Heilszeit: „Voll Freude werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen, aus denen die Rettung strömt.“ (Jes. 12,3)

Wie soll man diese sehr persönliche Glaubenserfahrung am besten mit einer politischen Dimension verbinden? Denn die liegt ja auf der Hand: Die Verschmutzung von Trinkwasser in weiten Teilen der Welt schreit zum Himmel. Fabriken und Golfplätze graben der armen Bevölkerung an vielen Ort das Wasser ab. Verteilungskämpfe sind in vollem Gange. Der Schlüssel wird irgendwo in Joh. 6 liegen. Der von sich sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, teilt sehr konkret Brot und Fische mit den vielen, denen etwas zum (Über-)leben fehlt. Wer aus der Quelle des Lebens schöpft, wird die Not der anderen wie von selbst im Blick haben.

 

Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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