Vom Weg des Gebetes „bis in die Wolken“ und „durch die Wolken“ hindurch zum Höchsten

Fünf Schritte möchte ich zu diesem neuen Predigttext hin tun bzw. mit ihm hin zu unserem Glauben und dem Gottesdienst am Sonntag Rogate 2021.1

1. Einleitend ein kurzer Blick zu wissenschaftlich-theologischen und kirchlichen Äußerungen zum Thema Gebet. Allein 2019 wurden zwei gewichtige Werke2 veröffentlicht; Meyer-Blanck erinnert an Heilers religionsgeschichtliches Gebetsbuch, das 1921 in 4. Auflage erschien. Direkter zu unserer Perikope sagte der Sozialpsychologe Erb: „Ich glaube, dass das allermeiste auf Zufall beruht … Für mich ist alles eher eine Frage der Wahrscheinlichkeit.“ (ZEIT, 30.12.2020) Eine immanente Weltsicht braucht keine Transzendenz – und kein Gebet. Da beherrschen Fakten das Feld. Am Rande steht dann vielleicht ein nebulöses Fatum.

In meinem württ. „Konfirmationsbuch“ (Stuttgart o.J.) steht als erster Satz zum Thema Gebet: „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“ Eine kurze, weitgehend korrekte, aber doch etwas trockene und nüchterne Katechismus-Definition, die nichts, aber auch gar nichts von der Dramatik des Gebetes in unserer Perikope widerspiegelt (V. 18f: Tränen, Schreie/n).

2. ist des Volkes Stimme zu hören. Laut der fünften EKD-Erhebung von 2015 beten 32,8% der evangelischen Kirchenmitglieder nie! (vgl. Deeg, 267) Außer diesem Stummsein gibt es viele Erfahrungen erhörter Gebete (z.B. Ps. 50,15; 116,1), aber auch gegenteilige Erfahrungen: „Warum antwortet Gott nicht? Mein Leben geht den Bach runter. Aber alle Hilferufe nach Gott sind vergebens“ – so eine Äußerung in einem seelsorgerlichen Gespräch. Höhnende Stimmen im Hintergrund skandieren: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“

3. Ben Siras apokryphe Stimme erklingt neben anderen apokryphen Stimmen. Diese sind laut Luthers bekanntem Diktum zwar nützlich und gut zu lesen, aber nicht der Heiligen Schrift gleich zu halten. Wenn die Perikope mit der Septuaginta und Jesus (Lk. 18,1-8!) jedoch als vox Dei ernst genommen wird, dann weitet sich unser Gebetsverständnis, bis hin zu Paulus’ seufzender Kreatur (Röm. 8,[18-]22).3

4. Die Stimme Jesu zum Thema Gebet wird primär im Vaterunser gehört. Im Zusammenhang unserer Perikope ist jedoch Jesu Gebetskampf im Garten Gethsemane erhellender. Denn dort erleidet Jesus das „dein Wille geschehe“ auf seinem schwierigen, ihm am Ende den Tod bringenden Weg mit und zu Gott. Mit Karl Barth ist Gebetserhörung „die Aufnahme und Hineinnahme des menschlichen Bittens in den Plan und Willen Gottes“. (KD III/4,117)

5. Ein Vorschlag für einen Gottesdienst: Gängig ist die Qualifizierung der Bibel als das Buch der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Abgesehen vom Vaterunser und den Psalmen, finden sich jedoch auch sehr viele Gebetsgeschichten. Darin ist unsere Perikope anzusiedeln. Sie könnte eine Seminarreihe zum Thema Gebet gottesdienstlich begleiten. Von Noetzel inspiriert kann man in V. 20f (Wolken) die (Bild-)mitte der Perikope sehen. Ihr Beitrag endet so: „Alles, was zum Himmel schreit und ja vielleicht erst einmal in der göttliche Speichercloud hängen bleibt, die Armut in der Welt und die Ungerechtigkeit, die grausamen Kriege und Attentate … im Gebet ist Platz zur Klage …“

 

Anmerkungen

1 Die Predigtmeditationen (A. Deeg/A. Schüle: Die neuen alttestamentlichen Perikopentexte, Leipzig 2018, 263-269, und J. Noetzel, in: GPM 75/2021, 304-312) berühren auch das Theodizeeproblem. Dieses Großproblem würde ich allerdings am Sonntag Rogate nicht auf den Tisch legen; deshalb meine leichte Kürzung der Perikope.

2 M. Meyer-Blanck: Das Gebet (Jahrbuch Biblische Theologie Bd. 32), Tübingen 2019.

3 Vgl. R. Bohren: Das Tier und der Heide sprechen mit, in: EvKom H.1/1976, 19-21.

 

Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.