Freude liegt in der Luft

 

Vorüberlegungen

Zunächst irritiert, dass in der neuen Perikopenordnung das Sonntagsevangelium ein vorösterlicher Abschnitt ist. Doch bei genauerer Betrachtung ist der Jubel der Jünger auf dem Weg nach Jerusalem, wie wir ihn in der Perikope lesen, genau der Lobgesang, zu dem der Sonntag Kantate einlädt. Das Lob Gottes für seine Taten und das Aufrichten seines Friedensreiches.

 

Zum Text

Freude, tiefe Freude liegt in der Luft, die Hoffnungen und die Verheißungen des endzeitlichen Heilshandelns Gottes haben sich scheinbar erfüllt. Die Jünger gehen mit Jesus nach Jerusalem, singen, jubeln und preisen Gott. Sie sehen in diesem Pilgerzug das bestätigt, was sie schon lange spüren: Jesus ist der Auserwählte Gottes, der Messias, der Friedenskönig. Sie preisen ihren König und loben Gott für all das, was sie mit ihm erleben.

Es wird hier nicht ein triumphaler Einzug eines Helden beschrieben, sondern sie singen aus tiefer Überzeugung, aus der Erkenntnis, dass die Verheißung sich erfüllt. Ihr Lobpreis ist Ausdruck ihres Glaubens.

Sie singen vom Frieden nicht nur, dass er auf die Erde kommt, wie die Engel in der Weihnachtsgeschichte sangen, sondern vom Frieden, der im Himmel ist. Bovon schreibt in seinem Kommentar, dass es ein „kosmischer Friede“ sei.1 Sie loben den allumfassenden, den endgültigen Frieden, den dieser Messias aufrichtet.

Bei diesem Lobgesang vermischt sich die vorösterliche Situation, wie sie chronologisch hier beschrieben ist, und die nachösterliche Situation, mit deren Augen wir es lesen, deren Platz es in dem Sonntagsevangelium hat und mit deren Wissen Lk. es ja auch geschrieben hat.

 

Die Predigt

In dieser Spannung liegt für mich auch ein Reiz für die Predigt. Die Jünger gehen mit Jesus nach Jerusalem und erwarten den Triumph, darum singen und loben sie Gott, darum sind sie nicht zu bremsen. Jesus antwortet genau das den um Einhalt bittenden Pharisäern. Der Jubel liegt so in der Luft, dass selbst wenn die Jünger schweigen, die „toten“ Steine singen würden.

Und dann kommt in Jerusalem nicht die Weiterführung des Triumphes, die Erfüllung ihrer Erwartungen, sondern Gefangennahme, Verurteilung, Folter und Kreuzigung. Der Jubel und die Freude finden ein jähes Ende.

Doch das scheinbare Ende ist nicht das Ende. Es kommt Ostern, Jesus wird von den Toten auferweckt und damit kommt der wirkliche Sieg, der Triumph. Der Tod ist besiegt und auch die Grausamkeit des Karfreitags. Nun ist wirklich Grund für Jubel und Lobpreis und dies genau mit den Worten der Jünger von V. 38.

Im Rückblick ist der Jubel nun „geerdeter“ und wertvoller, weil er auch die Enttäuschung und die Trauer kennt. Der Jubel kennt die schweren Zeiten, er leugnet sie nicht, aber er sagt: Du musst da nicht stecken bleiben, es geht weiter, das Dunkel, der Tod ist besiegt. Jesus ist von den Toten auferstanden und bringt uns den Frieden.

 

Aktuelle Bezüge

In dieser Spannung von Jubel und Lob Gottes mit der Erfahrung der Verzweiflung sehe ich einen Ansatzpunkt für die Predigt. Diese Spannung findet sich in unseren Lebenserfahrungen. Es gibt verschieden Anlässe für tiefe Freude und Dankbarkeit gegenüber Gott, v.a. gerade dann, wenn wir seine Begleitung erfahren haben.

In diesem Jahr ist hoffentlich ein Anlass zum Jubel, wenn die Pandemie so weit zurückgedrängt ist, dass die Einschränkungen weniger werden, und wir uns irgendwann wieder ganz direkt, ohne Vorbehalte begegnen, wir uns wieder in dem Arm nehmen, dicht bei dicht sitzen und gemeinsam laut singen und loben können. (Am Sonntag Kantate 2021 wohl noch nicht, aber vielleicht 2022.)

 

Lieder

EG 13 „Tochter Zion“ (es singt von genau dieser Einzugssituation)
„Wir singen vor Freude, das Fest beginnt“ (Kindergesangbuch Nr. 188)

 

Anmerkung

1 F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas (Lk 19,28-24,53), Neukirchen-Vluyn 2009, 34.

 

Frauke Wurzbacher-Müller

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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