Volle Weide diesen Sonntag: Hirten, Worms, Corona-Opfer

Schlecht und recht

Es gibt verführerische und prägende, menschlich-allzumenschliche Einteilungen in Gut und Böse, märchenhafte Schubladen von Kröpfchen und Töpfchen, biblisch kluge und törichte, zur Linken und zur Rechten, von Ersten und Letzten. Wüsste man doch immer, wer wer ist und wohin gehört. All die Muster, die einen hier und die anderen dorthin zu sortieren, werden manchmal einfach umgedreht. Sie werden nicht nur fröhlich gewechselt, sondern auch angriffslustig (V. 3ff) gebrochen. Und doch so, dass keiner daran zerbricht. Gott, der Musterbrecher. Die Muster derer, die andere und damit ja auch sich selber weiden, einzäunen und einteilen.

 

Geschorene Perikope

Ob Perikopen unter zu durchbrechende Einteilungen fallen, sei hier dahingestellt. Dennoch: Ein wenig geschoren sieht die Perikope schon aus. Je öfters ich sie lese, umso mehr wohlig wärmende bequeme Worte fallen hinten runter. Was sich ab- und herausschält, sind in aller Kürze die „vier v“: verloren, verwirrt, verwundet, verbunden. Die ersten drei beschreiben das einteilende Muster. Zugleich bergen sie in sich das hoffnungsvolle Bild eines Zustands, der ein Ende haben wird. Letzteres kulminiert im „verbinden“ von individuellen Wunden und Wünschen, von machtvollen Bergen und Tälern, menschlichen Sortierungen in Völkern und Ländern. In der Trias von Gesundheit, Fürsorge und Gerechtigkeit (V. 16) findet es seinen umfassenden Höhepunkt. Eine Klimax, die textlich von V. 31 her erreicht wird, und spirituell von Gott her, als den einen Hirten. Als der eine, der Muster durchbricht und mit allen Mustern ein Ende macht (V. 10). Im Mut dieses Musterbrechens liegt der österliche Anfang eines neuen Tages.

 

Vorsicht bissig!

Vom Ende (V. 31) her kann die Predigt dem Biss der Klischeehunde entkommen. Die bellen und beißen und meinen, sie müssen die einen zu Hirten im fetten Jetset erklären und die anderen zu armen Opfern und ach so schwachen, gar dummen Schafen. Schon im Satzbau wird das erste Muster durchbrochen, nach dem Hauptsächliches im Hauptsatz und Nebensächliches im Nebensatz steht: „Wehe denen …, die sich selbst weiden!“ Zwei Wochen nach Ostern lässt sich nicht darüber schweigen: Muster brechen ist eine österliche Gotteserfahrung und -erfindung. Dieser Hirte ist – um den Wortsinn zu durchbrechen – ein Todesengel. Erst im Tod wird und kann das „Selbstweiden“ zum Ende kommen.

Systematisch-theologisch könnte man von „aktiver Passivität“ sprechen, im anderen Jargon „von fallen lassen in Gottes Hand“, etwas schlichter von „glauben“ oder auch an ihrem 500. Jahrestag mit diesen Worten: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Da dieser Satz ohnehin kreative Fiktion ist, lässt er sich auch von Worms 1521 an andere Orte, zu anderen Zeiten, auf neue Schwellen schieben. Und zwar auf die der Erkenntnis, dass menschliche Hirten- und Schaf-Einteilungen (nicht erst im Lockdown) weder richtig, noch hilfreich sind. Konsequent zu Ende gedacht sind gerade auch kirchliche Hirten gefährdet und gefährlich. Dunkle Hirtenwo(e)lken stehen am Kölner Horizont. Aus Rom ziehen Vorwürfe zum Abendmahl in reformatorische Landeskirchen. Anderen werfen der Kirche coronal-staatliche Anpassung vor. So oder so ist es falsch: entweder so harmlos-still-verschlossen oder so privilegiert-digital anbiedernd-offen im Lockdown.

 

Verwirrt, verloren, verletzt, verbunden

Ob es uns gelingt, am Ende darauf zu verweisen, das weder diese Einteilungen, noch die Entscheidungen so oder so „einfach und richtig“ gewesen sein werden? Ist es gerade die numinose Macht einer Krankheit und eines Virus, dass die einbrechende Situation zu „richtigen“ Entscheidungen drängt, die es letztlich nicht gibt? Ist die Einheit von uns Individualitätsschafen und Kollektivherde nicht das Ziel, sondern eher der Raum, indem „verloren, verwirrt, verletzt“ nicht bleibt, was es ist, sondern verbunden wird. So wie der geplante Gedenktag der Corona-Todesopfer genau an diesen Sonntag, Worms nicht schmälern, Luther nicht umhauen (der steht da und kann nicht anders) und all die nicht vergessen wird, die auch Opfer dieser Corona-Zeiten wurden. Und in der Fürbitte des Sonntag ihnen allen gedacht wird: Deren Gras vertrocknete. Deren Weiden braun. Deren Zäune hoch. Die geschoren sind bis auf die Haut. Kalt und nackt und bloß. Wartende. Harrende, auf das, was wächst und schützt und behütet. Was ist jetzt alles da? Liebe und Wut, Angst und Gier, Tod und Dummheit, verschwurbelte Verschwörung und verbindende Versöhnung. Und was brauche ich? An diesem neuen Morgen. Eine verbundene Gesellschaft. Bilder, die aus dem Rahmen fallen und da hingehen, wo sie gebraucht werden.

Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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