Unterwegs zum Victory-Day

1. Osterlamm mit Siegesfahne

Beim Einkaufen fiel es mir wieder auf: Das Osterlamm mit der Siegesfahne wird nicht nur in der christlichen Kirche verwendet. Dieses alte Symbol für die Auferstehung Christi ist auch Zunftzeichen der Fleischerinnung. Über mancher Ladentür ist das Lamm mit der Siegesfahne gut sichtbar angebracht. Was wohl der Fleischer und seine Kunden mit dieser Darstellung verbinden?

Lamm Gottes – auf Bildern, in der Ausgestaltung unserer Kirchen, in der Abendmahlsliturgie, in klassischen Vertonungen und Lobpreisliedern kommt diese Symbolik häufig vor. Zu Ostern darf auf unserem Tisch ein gebackenes Osterlamm nicht fehlen. Aber wie lässt sich dieses besondere Christusbild mit Leben füllen?

Das letzte Buch der Bibel stellt den auferstandenen Christus in seiner Erhöhung als Lamm dar. Dies knüpft u.a. Joh. und dessen Hochschätzung der Passa-Tradition an: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt“.1 Im Mittelpunkt der Perikope sieht der Seher Johannes im himmlischen Thronsaal ein Lamm.

Dreimal betont er, dass dieses Lamm (wie) „geschlachtet“ ist (5,6.9.12). Freilich blieb es nicht im Tod, sondern hat den Tod besiegt und tritt nun die Herrschaft über die Welt an. Nur das Lamm Gottes kann das Buch mit sieben Siegeln öffnen, das die kommenden Ereignisse enthüllt und die leidvolle Geschichte der Menschheit zum ersehnten Ziel führen wird. Mit der Übernahme dieses Buches hat das Lamm die Zukunft in die Hand genommen.

Nur der am Kreuz wie ein Passalamm geschlachtete, danach auferstandene und nun erhöhte Christus ist durch sein Erlösungswerk dazu würdig. Für die Übernahme der allumfassenden Herrschaft wird dem Lamm ein „neues Lied“ gesungen (5,9). In diesen gewaltigen Lobpreis auf den Sieger und künftigen Vollender der Geschichte stimmen alle Geschöpfe im Himmel und auf Erden anbetend ein.

 

2. Die entscheidende Schlacht ist schon geschlagen

Die Herrschaft, die Christus im Himmel bereits über die Welt übertragen wurde, ist vor den Menschen noch verborgen. Aber mit dem Blick in den himmlischen Thronsaal dürfen die bedrängten Christen wissen: Gott regiert, dem Lamm ist die Herrschaft übertragen, auch wenn die Schrecken auf der Erde noch eine andere Sprache sprechen und die Christenheit schlimmen Zeiten entgegengeht. Der Seher Johannes enthüllt deshalb die Gesamtschau: Am Ende wird das Lamm sich durchsetzen und Gott alles neu machen.

Warum geht der Kampf aber immer noch weiter, obwohl Christus auferstanden ist? Der Schweizer Theologe Oscar Cullmann hat für die urchristliche Zeitauffassung eine eindrückliche Metapher gefunden: Die „Entscheidungsschlacht eines Krieges kann in einer verhältnismäßig frühen Phase des Krieges schon geschlagen sein, und doch geht der Krieg lange weiter. Obwohl die entscheidende Tragweite jener Schlacht vielleicht nicht von allen erkannt ist, bedeutet sie doch bereits den Sieg. Aber der Krieg muß noch auf unbestimmte Zeit weitergeführt werden bis zum ‚Victory-Day‘.“2

Übertragen auf die Vision vom Lamm Gottes: Der auferstandene Christus, dem im Himmel bereits die Herrschaft übertragen wurde, steht für die schon geschlagene Entscheidungsschlacht – das Osterlamm trägt mit Recht die Siegesfahne! Der Seher Johannes gibt angefochtenen Christen diesen Trost: „Auch wenn noch viele Schrecken kommen werden, auch wenn die Tragweite der Auferstehung noch verborgen ist – lasst euch nicht entmutigen. Ihr seid mit dem auferstandenen Christus unterwegs zum Victory-Day!“

 

Anmerkungen

1 Joh. 1,29.36; vgl. auch Joh. 19,36 sowie 1. Kor. 5,7; 1. Petr. 1,18f und Jes. 53,7.

2 Oscar Cullmann, Christus und die Zeit. Die urchristliche Zeit- und Geschichtsauffassung, Zürich 1946, 72f.

 

Albrecht Schödl

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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