Fürchtet euch nicht“

Ein „neuer“ Text

Ein Text, der erst mit der neuen Perikopenordnung Predigttext wurde. Bislang hatte er seinen Platz nur in den Lesungen der Osternacht, wo der große heilsgeschichtliche Bogen aufgespannt wird. Im Ostergottesdienst nun steht er im Bezugsrahmen von Osterevangelium und der Epistel aus 1. Kor. 15. Damit steht der Kerntext des Judentums sofort unter dem Anspruch, der Predigt des Osterfestes und der Auferstehung Jesu als des Kerns des Christentums zu dienen. Ich finde das durchaus nicht unproblematisch, kann es doch als Vereinnahmung daherkommen. Mancher wird sich vielleicht dafür entscheiden, lieber einen der ntl. Texte zur Predigtgrundlage zu machen; ich möchte einen Seiteneinstieg versuchen über einen Zug, der in Ex. 14 und Mk. 16 zu finden ist – und hoffentlich einen Zuspruch für heute ermöglicht.

 

Die Geschichte vom Schilfmeerwunder

Das Meerwunder bildet den ersten Höhepunkt der Mose-Exodus-Erzählung, in der eine Glauben stiftende Anfangserfahrung (Erich Zenger) ins Wort gebracht ist, eine Befreiung, die nicht Ergebnis von Kampf und Sieg des Volkes ist, sondern Gottes souveräne Rettungstat. Auf der anderen Seite des „Schilfmeeres“ wartet mitnichten schon das gelobte Land – der Weg hat gerade erst begonnen –, aber die Befreiung aus der Sklaverei ist erfolgt.

Im Erzählbogen, wie er uns vorliegt, liegt hinter dem Volk der eigentliche Aufbruch, zähneknirschend gewährt von einem durch die Plagen entnervten Pharao; hinter ihnen „steht“ die Gegenwart Gottes in Form der Wolken- bzw. Feuersäule, und dennoch sackt ihnen „das Herz in die Hose“ angesichts der heranpreschenden Ägypter. Und bevor es richtig spannend werden kann, nimmt eine Auseinandersetzung zwischen Mose und dem verängstigten Volk relativ breiten Raum ein. Nur ein retardierendes Element? Oder nicht doch etwas durch und durch menschliches? In der Panik drohen sie die Nerven zu verlieren und beschimpfen den, der sie in diese Lage gebracht hat – bzw. den, den sie jetzt greifen können: Mose. Der wiederum geht überhaupt nicht auf die Beschuldigungen ein, sondern antwortet wie ein Engel des Herrn: Fürchtet euch nicht. Steht und seht die Rettung des HERRN. (V. 10b-13)

 

Ausnahmesituationen

Fürchtet euch nicht liegt auch am Ostermorgen in der Luft und im Ohr der Gottesdienstbesucher: in Mk. 16,6-8 haben wir nicht weniger als vier verschiedene Begriffe für Furcht, Entsetzen, Außersichsein, Erschrecken. Und es ist ja gerade das Mk., das seine Ostererzählung mit der Furcht der Frauen aufhören lässt. So darf diese Furcht und die Reaktion darauf wohl einen Moment Raum haben.

Angst, Entsetzen, Furcht sind die vollkommen normalen Reaktionen auf Gefahr; Flucht würde naheliegen: die Frauen fliehen und sagen: nichts! Wo Flucht nicht möglich ist, bleiben Resignation oder Aggression: so das Volk am Schilfmeer. Auf Ausnahmesituationen souverän zu reagieren, ist nicht vielen gegeben. Dem Volk am Schilfmeer und den Frauen am Grab ist eines gemein: die Mutlosigkeit angesichts einer unlösbaren Situation. An einem offenen, aber leeren Grab einer weißgewandeten Gestalt zu begegnen, die etwas von Auferstehung redet, ist gruselig! Und sich zwischen einem feindlichen Heer und dem Wasser zu befinden, ist absolut bedrohlich.

Fürchtet euch nicht – Gott selbst wird handeln. Das ist die Botschaft in beiden Texten. An der Grenze wird die Gegenwart und das rettende Eingreifen Gottes zugesagt: Ex. 14,19 in Form der Wolkensäule, Mk. 16,7 im: ihr werdet ihn sehen.

Wenn wir in diesem Jahr Ostern feiern, liegt mehr als ein Jahr Pandemieerfahrung hinter uns und noch nicht die Freiheit vor uns. Und überall in unserer Gesellschaft sehen wir die unterschiedlichen Panikreaktionen: Flucht, Verleugnung, Verweigerung, Resignation, Rückzug, offene Aggression, bittere Vorwürfe an Verantwortliche. Es entlädt sich Druck auf vielfältige Weise.

Fürchtet euch nicht ist keine billige Antwort, wenn sie vom verändernden Mitsein Gottes spricht. Auf der anderen Seite der Not sind weder die Fleischtöpfe Ägyptens, noch das gelobte Land, noch die Verlängerung der Lebenszeit des den Frauen so vertrauten irdischen Jesus. Und auch nicht ein „Vor-Corona“. Aber hier wie dort derselbe Gott, der die Furcht sieht und sie anspricht.

 

Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.