Karfreitag in der Kirchenkunst

1. Zum Hintergrund

Kürzlich erhielt ich die Anfrage einer örtlichen Zeitung, dass sie einen Artikel über die Kunstwerke in unserer denkmalgeschützten St. Marien Klosterkirche schreiben wollen1. Zum Interview fanden wir uns mit einem Mitarbeiter, der unsere Kirche gut kennt, zusammen. Das Interview wurde zu einer faszinierenden Kirchenführung. Im Mittelpunkt stand unser dreiflügeliges Glasfenster im Chorraum, das in den 1960er Jahren von Gottlieb Pot d’Or geschaffen wurde. Mir wurde bewusst, wie wenig ich unser Glasfenster kannte und verstanden hatte. Vieles war mir fremd geblieben, auch ist mein Kunstgeschmack ein anderer. Nun bot sich die beeindruckende Chance einer neuen, tiefergehenden Begegnung mit der Kreuzesdarstellung.

Von Gottesdiensten und Kirchenführungen weiß ich, dass es auch anderen Besuchern so geht wie mir. „Warum hat Jesus rote Augen, ist der ein Zombie?“, fragte mich mal ein Konfirmand. „Christus blickt so finster drein, das macht mir Angst“, so die Reaktion eines älteren Herrn. Ich hatte damals auf beides keine rechte Antwort parat und versuchte, das Augenmerk meiner Gesprächspartner auf die anderen, farbenfrohen Aspekte des Glasfensters zu lenken.

 

2. Unser Karfreitagsgottesdienst als Ort spannender Entdeckung

Hinführung

Nach dem Verlesen des Predigttextes (Jes. 52,13-15; 53,1-12) richte ich die Aufmerksamkeit auf unser Glasfenster im Chorraum. Hier haben wir die Möglichkeit, uns die Inhalte des Predigttextes anzuschauen und sie visuell mitzuerleben. Zwar geht es im vierten Gottesknechtslied nicht direkt um Jesus Christus. Doch liegt es im Karfreitagsgottesdienst nahe, die Aussagen auf den geschlagenen und gekreuzigten Messias zu beziehen.

Jesus Christus

Im Predigttext wird der leidende Gottesknecht als verachtet, unwürdig, hässlich, voller Krankheit und Schmerzen charakterisiert (52,14; 53,3). Auf dem Glasfenster sehen wir Christus am Kreuz. Die dunklen Farben seiner Gestalt verweisen auf Leiden und Tod. Er hat nicht etwa rote Augen, sondern sein Haupt ist gesenkt. Auf dem Kopf trägt er eine rote, blutige Dornenkrone. Christus zieht unsere Sünden (53,11) hinauf aufs Kreuz. Er trägt sie an unserer Stelle, stellvertretend. Er will sie in Leben verwandeln, weshalb zwischen den dunklen Farben helle Elemente hindurchleuchten.

Licht und Beistand

Der Predigttext verheißt dem leidenden Gottesknecht Licht und Fülle (53,11). Beides verdeutlicht unser Glasfenster in der Gestalt der beiden Engel, die um den gekreuzigten Christus herumschweben. Die Engelsgestalten sind in weißer und roter Farbe gehalten. Sie beschirmen und beschützen Christus, tragen ihn auf ihren Händen (s. der beliebte Taufpsalm Ps. 91,11-12).

Heiden und glaubende Gemeinde

Der Predigttext unterscheidet zweierlei Gruppen von Menschen, die den Gottesknecht umgeben: die unwissenden Heiden (52,15) und die glaubende Gemeinde (53,4f). Ich beginne mit der letzten Gruppe: Sie ist im Glasfenster durch Maria, die Mutter Jesu und Namenspatronin unserer Klosterkirche, repräsentiert. Maria steht mit gefalteten Händen und andächtig gesenktem Haupt rechts (aus der Sicht Jesu) unter dem Kreuz. Schwieriger zuzuordnen ist die erste Gruppe. Links (aus der Sicht Jesu) unter dem Kreuz steht ein Mann und blickt hinauf zum Kreuz. Ist es Johannes der Täufer? Ist es der Hauptmann? Oder am Ende keiner von beiden, sondern wir selbst? So dass diese nicht zuzuordnende Figur den Platz offenließe für uns heute. Damit wir, mit allen unseren modernen Zweifeln und Fragen und unseren Schwierigkeiten, das Glasfenster zu verstehen, mit in das Kunstwerk hineintreten dürften? Hier scheiden sich die Geister bzw. Theorien in der Interpretation. Mich spricht besonders diese Möglichkeit des „offenen Kunstwerks“ an.

Abendmahl und Taufe

Der Gottesknecht trägt unsere Sünden (53,11). Dies erinnert an die Einsetzungsworte im Abendmahl. Und in der Tat tragen die beiden Engel auf dem Glasfenster Abendmahlskelche in der Hand. Ist auch die Taufe dargestellt? Manche Interpreten sehen das so. Sie verstehen die vielen Blautöne im Glasfenster als Verweis auf Wasser und Taufe.

 

3. Text und Kunst im Gespräch

Kirchenkunst macht den Glauben lebendig. Der Predigttext und zugleich unser – altbekanntes und doch fremdes – Glasfenster mit dem gekreuzigten Christus sind uns im Gottesdienst nähergekommen. Ich bin mir sicher, dass viele unsere Kirchen solche Kunstwerke enthalten. Werden Predigt und Kunst in Dialog gebracht, kann die Passion Jesu Christi intensiver miterlebt werden.

 

Anmerkungen

1 https://www.weser-kurier.de/region/regionale-rundschau_artikel,-freie-sicht-auf-fenster-und-fresken-_arid,1953091.html (Stand: 12.01.2021).

 

Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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