Ein vermasseltes Festmahl

Es hätte alles so schön sein können: der sehr kurzfristig zur Verfügung stehende Festsaal, die üblichen Festspeisen und die feierliche Erwartung des Passa-Mahles, das von Gottes befreiendem Wirken vor uralten Zeiten sicht- und schmeckbar Kunde gab. Doch Jesus fällt aus der Rolle. Mitten in die feierliche Atmosphäre spricht er vom bevorstehenden Verrat und von seinem Ende. Nach Mt. war Judas Iskariot unmittelbar vor der Vorbereitung des Mahls zur leitenden Priesterschaft gegangen, was Jesus nicht verborgen blieb. Die übrigen Jünger dagegen sind ahnungslos und bestürzt; ­jeder fürchtet, er könne selbst der ­Unglückliche sein.

In der neuzeitlichen Literaturgeschichte ist die Gestalt des Judas schillernd. Neben der Spekulation über seine Motive geht es oftmals um seine Entschuldigung und um die vermeintliche Heilsnotwendigkeit seiner ruchlosen Tat. Jesus dagegen stellt klar, dass – obwohl sein Tod notwendig ist – der Verrat keineswegs damit entschuldigt werden kann. Ich möchte ergänzen: Ebenso wenig wie die an Verhaftung, Folter und Hinrichtung Beteiligten dadurch entschuldigt werden.

Die Perikope zeigt, dass die Teilnahme am Abendmahl per se eben keine „Vergebung der Sünden“ (V. 28) bewirkt, denn der Verräter nimmt daran teil. Menschen, die Christus später verraten haben, indem sie etwa durch kirchliche Maßnahmen Folterern aus der Nazizeit zur Flucht verhalfen oder Anbefohlene in der Kirche missbrauchten, können durch die schiere Zugehörigkeit zur Abendmahlsgemeinschaft nicht auf Vergebung zählen!

Nach der heftigen Irritation tut Jesus etwas, was in der Festliturgie nicht vorgesehen war: Während des Essens deutet er Brot und Becher auf seine Person bzw. das Blut des Bundes. Die Worte „zu meinem Gedächtnis“ fehlen hier, dafür der Verweis auf die Wiederkunft. Aus dem Passa-Mahl wird ein Mahl der innigen Verbundenheit mit Jesus.

Trotz der vermasselten Stimmung wird so etwas herausgestrichen: die bleibende Gegenwart Christi in einer Jüngerschaft, die angefochten ist und durchwirkt von Versagen und sogar von Verrat. Man könnte es so formulieren: Wichtig ist nicht das Feiern von etwas Vertrautem und angenehm Feierlichem, wichtig ist vielmehr die erlebte Gegenwart Gottes im gegenwärtigen Christus.

Etwas rätselhaft bleibt der Hinweis auf die „Vergebung der Sünden“, der ja sonst (1. Kor. 11,24ff) fehlt. M.E. muss das auf die Selbsthingabe Jesu hin gedeutet werden. Dazu prägnant Klaus Berger1.

So denn am Gründonnerstag 2021 überhaupt öffentliche Gottesdienste gefeiert werden, wird sich die Erinnerung daran einstellen, dass diese im vergangenen Jahr fehlten, ja, dass die Form des gemeinsamen Essens und Trinkens vielerorts abweicht von dem seit Generationen Üblichen. Es wird schwerlich ein gemeinsames Trinken aus einem Kelch geben, sondern die – für viele immer noch ungewohnte – Praxis des Einzelkelches. Ob man überhaupt wieder zum Gemeinschaftskelch irgendwann zurückkehren wird, bezweifeln viele Menschen. In vielen Kirchen im In- und vor allem Ausland ist der Einzelkelch ja längst die einzige vorstellbare Form!

Auch heute geht es vor allem um die erlebte Gegenwart Gottes im gegenwärtigen Christus. Und diese kann sogar stärker wahrgenommen werden ebenso wie die Zusammengehörigkeit zum Leib Christi in diesem Jahr, wenn wir Einzelkelche verwenden. Manche werden die mögliche Übersetzung von V. 28 hilfreich finden: „Blut des Bundes, ausgegossen für viele“, weckt sie doch die Assoziation des in die kleinen Becher ausgegossenen Weines oder Traubensaftes.

Eine interessant Theorie hat N.T. Wright aufgestellt: dass das Abendmahl möglicherweise als „Quasi-Passa“ von Jesus gefeiert wurde, vor dem Sederabend, den er ja laut Joh. nicht mehr erlebt hat.2

 

Anmerkungen

1 Klaus Berger, Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben, Gütersloh 1998.

2 Nicholas Thomas Wright, Jesus and the Victory of God, London 1996, 555ff.

 

Dankmar Pahlings

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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