Was der Glaube sieht

I

Ich bin nachtblind. Ab einem bestimmten Dämmerungsgrad besteht die Welt für mich nur noch aus verschiedenen Schattierungen von Grau in zwei Dimensionen. Die dritte Dimension, den Raum, ergänzt mein Gehirn. Halbwegs zuverlässig, sonst wäre jede Treppe eine Todesfalle.

II

Der Hebräerbrief eröffnet weitere Dimensionen des Sehens. Aber die erschließt nicht mein Auge, auch nicht mein Gehirn, sondern mein Glaube. Im Glauben kann ich Dinge und Zusammenhänge erfassen, die sich meinem Auge verbergen und meinen Verstand herausfordern. Meinem Gehirn traue ich viel zu. Sozusagen blind. Traue ich meinem Glauben? Traue ich ihm eine andere Art des Sehens zu?

III

Als hätte der Verfasser meine Gedanken gelesen, baut er vor. Mit einer „Wolke von Zeugen“. Alles, was in der Bibel Rang und Namen hat, wird aufgezählt. Noah, Abraham, Mose. Um nur die prominentesten Namen zu nennen. Menschen, denen Gott das innere Auge geöffnet hat. Für seine Dimension. Die sich gegen allen Augenschein erschließt. Die Menschen sehend macht für sein Handeln. Das so oft über Kreuz und ganz und gar quer liegt zu allem, was wir sehen.

IV

Ganz und gar quer zu unserem üblichen Sehverhalten liegt das Kreuz. Auf das steuern wir in diesen Tagen zu. Und das können wir sehen. Mit unseren Augen. Ein Hinrichtungsplatz, ein Ort tiefster Schande, Entwürdigung, Niederlage. Ein Ort des Todes. Auf Golgatha sehen unsere Augen nichts Gutes. In den Dimensionen der Welt frisst Gott Staub, der Kampf ist entschieden, der Tod hat gesiegt.

V

Wer so sieht, ist glaubensblind. Sagt der Hebräerbrief. Und beschwört eben jene andere Art des Sehens. Die „Wolke der Zeugen“ strotzt vor Beispielen, wo Menschen sich auf Gottes Sicht der Dinge verlassen haben. Da baut einer ein Schiff, wo alle anderen mit Blindheit geschlagen sind. Da lässt sich einer ins Nirgendwo schicken, weil Gott sein Ziel im Blick hat. Da irrt einer ein Leben lang durch die Wüste, weil Gott Bilder von Milch und Honig malt.

VI

Und nun trägt einer sein Kreuz, „obwohl er hätte Freude haben können“ (Hebr. 12,2). Der Weg nach Golgatha ist kein zwangsläufiger, sondern ein freiwilliger. Jesus hätte ein feines Leben als Wanderrabbi haben können. Aber er lässt sich ein auf diesen anderen hässlichen Weg. Weil er nicht nur Augen für Gottes Dimension hat, sondern ein Teil von ihr ist. Mehr und anders als alle Zeugen ist er sozusagen die ultimative Sehhilfe.

VII

Wenn man sich nicht nur auf das verlässt, was vor Augen liegt. Sondern seine Sinne schärft für ein Sehen, das nicht von dieser Welt und gerade deshalb alles andere als weltfremd ist. In Gottes Sicht der Dinge sind Versager Gewinner, hat Ausschuss Wert, liegt in der größten Niederlage der größte Sieg. Am Karfreitag spucke ich nicht verachtungsvoll auf einen Gott am Boden, sondern blicke auf zum Thron des Lebens. Ganz schön kreuz und quer.

VIII

Aber unglaublich ermutigend. Ein Glaubenssinn für Gottes Dimension, der mein inneres Sehen qualifiziert für das, was nicht vor Augen liegt: Gott sei Dank. Weil das Leben sonst eine Todesfalle wäre. Weil dann wegbräche, was mich trägt und hält. Diese unstillbare und nimmermüde und überaus ausdauernde Hoffnung auf ein gutes Ende. Auf Frieden. Auf Gerechtigkeit. Auf Leben. Die mich in Bewegung setzt. Immer und immer wieder. Gegen allen Augenschein: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr. 11,1)

IX

Kann ich das? Mal mehr und mal weniger. Das ist die ehrliche Auskunft. So wie ich über Schwellen stolpere, wenn mein Gehirn gerade zu müde ist, um sich das zu denken, was die Augen nicht sehen, ist meine Seele manchmal zu erschöpft, um das zu glauben, was sie hofft. Dann brauche ich Gott, zu dem ich bete. Und Gott ist da. Ermutigt mich. Macht mich sehend, hilft mir sehen. Und ich kann glauben. Und laufen. Und leben.

 

Lieder

EG 97 „Holz auf Jesu Schulter“

EG 382 „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Gott“

EG 409 „Gott liebt diese Welt“

EG 642 (Regionalteil Pfalz) „Manchmal kennen wir Gottes Willen“

Wo wir dich loben plus Nr. 116: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“

 

Dorothee Wüst

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.