Hiob ist meine Nachbarin, mein Nachbar

Hiob in Zeiten der Pandemie

Ein Kollege erzählt vom Trauergespräch. Der 60jährige Hinterbliebene hatte seine Frau mit Corona angesteckt. Er ist ein vorsichtiger Mensch. Wie er sich infiziert hat, weiß er nicht. Sie kommen in verschiedene Krankenhäuser. Die Frau hat keine Vorerkrankungen. Sie stirbt. Sie und ihr Mann haben sich nicht noch einmal gesehen.

Menschen verlieren vieles oder alles: Liebste, Gemeinschaft, Besitz, Gesundheit. Im März 2021 ist Hiob nah. Er oder sie leben in der Nachbarschaft. Noch mehr in anderen Teilen der Welt. Es ist so ungerecht: Die Pandemie trifft die besonders hart, die schon viel verloren haben.

Das Buch Hiob rechnet damit ab, dass Gott großes Leid nicht verhindert. Selbst wenn die Verzweifelten gütig, anständig, gläubig, sozial sind. Die Hiobsfigur steht für gut situierte, fromme Judäer mit großem Herz für andere. In den sozialen und wirtschaftlichen Krisen des 4./5. Jh. v. Chr. zahlt sich ihr Engagement fürs Gemeinwesen nicht aus. Dagegen geht es denen gut, die rücksichtlos Eigeninteressen verfolgen (R. Albertz, 129).

 

Gott gegen Gott anrufen

Das Hiobbuch inspiriert Exegese, Poesie, bildende Kunst und Musik so stark wie wenige andere Bibelworte. Es ist Weltliteratur. Ich kann nur einen Aspekt ansprechen: den erstaunlichen Umschlag von der Klage zum Vertrauen. Hiob wendet sich wütend und klagend gegen Gott. Er erkennt keine andere Mächte an, weder Schicksal, Dämonen, noch Engel. Mitten im elenden Zustand erfährt Hiob Gott als Löser. Ich kann mir keinen tieferen Glaubensmoment vorstellen, in bittersten Erfahrungen Gott als meinen Fürsprecher zu erfahren. „Die Geschichte von Hiob markiert das Ende eines Gottes, dem man vertrauen kann, und den Anfang ­eines Gottes, dem ich vertrauen will.“ (J. Haberer, Internet).

 

Die Seele verlangt, so zu sprechen

Wer kämpft gern gegen einen übermächtigen Feind, z.B. eine tödliche Krankheit? Die Vernunft sagt, so etwas Sinnloses besser zu lassen. Schnell einstimmen in den vermeintlichen Willen Gottes heißt oft nur resignieren. Damit ein Mensch nicht allein bleibt in der Not, braucht es schonungsloses Aussprechen. Die Predigt ist dafür Sprachschule. Nicht belehrend: „Sie dürfen klagen, weil es in der Bibel auch geschieht.“ Sondern elementar: „Nein! Ich will nicht. Das tut so weh!“ Wer in Hiob ein Vorbild findet oder in der Seelsorge versteckten Protest aussprechen kann, kann unvermittelt Trost erleben (H. Geest, Erlaubnis zum Protest, 166).

 

Jüdinnen und Juden nicht enteignen

Schluss mit dem Strang christlicher Auslegung, der die Judenheit enteignet! Indem er behauptet, der einzig wahre Sinn von V. 25-27 ist die Auferstehung nach dem Tod und mit dem Löser ist Christus gemeint. Das spricht Juden ab, ihre Bibel selbst zu verstehen. Gut, wenn der Gemeinde klar wird: Zwei Glaubensgemeinschaften legen die hebräische Bibel legitim aus. Die ökumenische Kampagne 2021 www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de sieht diese Art zu predigen als Beitrag gegen erstarkenden Antisemitismus. Exegetisch ist man sich einig: V. 26 meint nicht Leben nach dem Tod. Es geht nicht um Erlösung vom Leben, sondern zum Leben. Gewiss lese ich als Christin das mit Hoffen auf Auferstehung durch Jesus Christus. Gleichzeitig weiß ich, der Text hat ohne diese Perspektive für Juden tiefsten Trost.

 

In Gethsemane kämpft Jesus wie Hiob

Es ist Passionszeit. Statt des vorgeschlagenen Evangeliums Mk. 10 lese ich Jesus in Gethsemane (Lk. 22,39-46). Beim Predigen über Hiob spreche ich an, was Jesus mit ihm verbindet. Beide hören nicht auf zu fragen und zu klagen. Von seinen Freunden im Stich gelassen, klagt Jesus Gott wie Hiob. Er teilt das ohnmächtige Seufzen. Seine Todesangst ist kaum zu fassen. Er legt sein Elend und sein Zweifeln vor Gott. Wie bei Hiob: Gott segnet, wer mit Gott kämpft. Das Gebet Jesu ändert sich wie die Klage Hiobs: Nicht mein, dein Wille geschehe. Woher der Umschwung? Offenbar hat Jesus wie Hiob erfahren: Er kann vor Gott so angefochten sein, wie er ist. Jesus war wie gestorben. Er steht nun auf vom Beten mit neuem Vertrauen, er aufersteht. Eine Passions- und Ostergeschichte.

Ich kann weder Hiob noch Jesus einfach nachbeten. Doch Gott sei Dank ist ihre „Rede aufgeschrieben“, V. 23. So kann ich mich zu ihren Worten flüchten, hoffentlich in der Not protestieren wie sie. Anderen dazu helfen. Es hat große Verheißung, alles Leid und alle Freude vor Gott zu bringen.

 

Lieder

EG 95 „Seht hin, er ist allein im Garten“
EG 381 „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“
EG 365,1-3.7-8 „Von Gott will ich nicht lassen“

 

Literatur

Albertz, Rainer: Der sozialgeschichtliche Hintergrund des Hiobbuches und der Babylonischen Theodizee, in: Geschichte und Theologie, Berlin 2003, 107-134

van der Geest, Hans: Unter vier Augen. Beispiele gelungener Seelsorge, Zürich 1984, 159-166

Bericht über Johanna Haberers Hiob-Bibelarbeit DEKT 2029: https://www.kirchentag.de/aktuell_2019/donnerstag/hiob_ist_ueberall_und_immer sowie https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-denn-sie-sollen-getroestet-werden (abgerufen 13.1.2021)

 

Heidrun Dörken

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.