Jesus sehen – mit Jesus gehen

I. Text und Kontext

Von Anfang an (s. 1,4f.14.29) hat Joh. das große Ganze im Blick. So auch in allen seinen Teilen. Wilckens1 benennt zwei elementare hermeneutische Grundsätze: „Die einzelnen Aussagen interpretieren sich gegenseitig. Man muss das Ganze verstehen, um den Sinn des Einzelnen zu begreifen.“ Und – so möchte ich ergänzen – das Einzelne, um zum Ganzen zu gelangen!

Nach dem Einzug Jesu in Jerusalem (V. 12-19), überstürzen sich die Ereignisse. Es naht – so die Überschrift bei Nestle-Aland zu V. 20-36 „Die Stunde der Entscheidung“2. Dies ist der unmittelbare Kontext unserer Perikope. Warum sollte er nicht (verteilt auf zwei Vorleser*innen: V. 20-26 und V. 27-36) in einer großen Lesung, durchaus geteilt durch ein passendes Passionslied, dargeboten werden?

 

II. Predigt

Für die Predigt wähle man daraus Schwerpunkte, die idealerweise ellipsenmäßig zwei Zentren haben, einmal ein christologisches (Jesus sehen), sodann ein zweites i.S. der Nachfolge (mit Jesus gehen; vgl. EG 384 „Lasset uns mit Jesus ziehen“).

Anschließend möchte ich vier konkrete Vorschläge für die Predigt machen:

1. Jede*r Gottesdienstbesucher*in erhält beim Betreten der Kirche ein Weizenkorn. Die Predigt konzentriere sich dann auf den Wochenspruch. Interessanterweise brachten Wiener Forscher laut einer Meldung vom Juni 2020 einen 32.000 Jahre alten Samen wieder zum Blühen (vgl. https://kurier.at/wissen/wissenschaft/wiener-forscher-brachten-32000-jahre-alte-pflanze-wieder-zum-bluehen/400949645).

2. Anne Weber schildert in „Annette, ein Heldinnen-Epos“ (2020) beeindruckend das heldenhafte Leben der inzwischen 95jährigen Freiheitskämpferin Anne Beaumanoir, die sich im Alter von 19 Jahren der Résistance anschloss. In vergleichbarer Weise gibt es christliche Existenzen (vgl. das sogar vierbändige „Menschen vor Gott“). Mit Stephan Goldschmidt („Denn du bist unser Gott“, 2018, 126f) könnte im Kontrast eine sehr ehrliche, subjektive Predigt gehalten werden.

3. In einem mehr akademischen Milieu lasse man sich von Hans Küng durch den Garten der Religionen und zum Dialog mit Menschen anderen Glaubens und Lebens führen; in Sämtl. Werke 24: „Begegnungen“ (2020), 429-468, stellt er außer dem christlichen Lebensmodell vier andere vor. Man ergänze das allseits präsente moderne Lebensideal von Spaß, Glück und Erfolg, wie es z.B. in folgenden Internetäußerungen zum Ausdruck kommt: „Der Sinn des Lebens ist ne schöne Zeit haben, das Leben genießen … reisen, Kinder, Karriere usw.“

4. Ekklesiologisch redeten Bonhoeffer und Barth der paulinischen Kreuzestheologie folgend auch vom Sterben der Kirche; vielleicht ist dieser Aspekt3 aber mehr innerkirchlich zu bedenken, als dass er Inhalt einer Predigt zu unserer Perikope werden muss.

 

Anmerkungen

1 Ulrich Wilckens: Das Evangelium nach Johannes (NTD), Göttingen 18. Aufl. 2004, 190.

2 Michael Heymel (Das Johannesevangelium heute lesen, Zürich 2020) überschreibt diesen Abschnitt mit „Ankündigung der Verherrlichung Jesu“; er meditierte die Perikope in Pastoraltheologie 86/1997, 161-168, ich selber im DPfBl 2/2015.

3 Vgl. dazu in meiner Dissertation (Gemeindeaufbau als Gemeindewachstum …, Erlangen 1994), 256-261.

 

Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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