Parusie in den Herzen

Der Kreis schließt sich

Noch einmal den Spuren des Christfestes folgen, bevor sich mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias der Weihnachtsfestkreis schließt und die Geschichte Jesu in Richtung Ostern Fahrt aufnimmt! Christus, der Morgenstern, der an Epiphanias mit Lied EG 70 („Wie schön leuchtet der Morgenstern“) besungen wurde, geht mit unserem Textabschnitt aus der jüngsten Schrift im ntl. Kanon (um 120 n. Chr.) am Ende der Epiphaniaszeit noch einmal auf.

Der Morgenstern

Der den Morgenstern aufgehen und aufleuchten lässt, ist der Verfasser des 2. Petr., der sich gleichsam als „letzter Zeuge“ der Autorität des ersten Zeugen Petrus wie der Apostel bedient. Das hat er auch nötig. Denn seine Botschaft von Jesus als „Kraft“ (, 1,16) und von der Parusie (, 1,18), der Wiederkunft Christi, hat ihm in der Gemeinde Gegner eingebracht. Sie sprechen abfällig von Mythen (, ebd.), die er da verbreite.

Im Licht der Tradition

Zum Beweis für seine zuverlässige Auslegung und Deutung der Schrift – es handelt sich ja um sein Vermächtnis! (vgl. 1,15) – kontert der Autor mit seinen im Wortsinn er-hellenden Glaubenserfahrungen. Wem da kein Licht aufgeht! Augenzeuge wurde er mit anderen („wir“) bei der Verklärung Jesu auf dem „heiligen Berg“ (1,18). Gesehen hat er dort Jesu Herrlichkeit in einer Art Vorwegnahme der Parusie am Ende der Zeit. Ohrenzeuge wurde er von Gottes Stimme, die von Jesus als seinem lieben Sohn sprach, an dem er Wohlgefallen habe. Im Lichte dieser Tradition bekennt der Autor: Jesus ist der (wieder)kommende Herr, mit dem die Herrschaft Gottes aufleuchten wird in dunkler Zeit.

Erinnern der Tradition stärkt Identität

Wer zu einem Zeugen solcher Ereignisse wird, bei dem festigt sich das prophetische Wort (1,19). Der weiß sich einer langen Tradition zugehörig. Der weiß, wer er ist und wohin er gehört. Weiß auch, was ihm nicht zusteht. Denn so irdisch-menschlich das prophetische Wort in der Schrift daherkommt: es ist nie eigene Auslegung der Propheten gewesen, sondern eine durch Gottes Geist gewirkte Rede. In diesem Sinne möchte auch der Autor des 2. Petr. seine Worte verstanden wissen. Sie sind keine „ausgeklügelten Fabeln“ (1,16) der Menschen, sondern allein durch die Geistkraft Gottes gewirkt. Sie sind Hoffnungslicht, das die Gemeinde auf dunklem Weg des „Dazwischen“, in der Zeit des Wartens auf den kommenden Herrn leiten kann.

Identität wirkt Zukunft

Die eindringliche Empfehlung des Autors: auf dieses Licht des Schriftwortes zu achten, es zu erinnern, sich darauf einzulassen. Denn je mehr dies geschieht, umso fester (, 1,19) wird und entwickelt sich der Glaube; umso größer wird die Hoffnung, umso stärker die Ermutigung für die kommende Zeit – eine Erkenntnis bibellesender Menschen allzumal! Auf der Basis der Schrift heißt es Ausschau zu halten auf den kommenden Tag. Ihm haftet im 2. Petr. eine große Innerlichkeit an. Diese Art von Parusie ereignet sich nämlich gleichsam in den Herzen (, ebd.), wo alle Sinneseindrücke zusammenlaufen: das Sehen und das Hören. Gut ist es, wie einst Salomo Gott darum zu bitten (vgl. 1. Kön. 3,9). In den Herzen wird also der Morgenstern (, ebd.) aufgehen, der in der vielgestaltigen Messiashoffnung Israels hier auf Jesus hin gedeutet wird. Da klingt noch einmal großes weihnachtliches Gefühl an, das mein Herz berührt. Tröstlich. Zukunft verheißend. Identitätsstiftend.

Zukunft 2021

Selbstvergewisserung tut Not. Auf dem Weg in die Passionszeit genauso wie in die Zukunft überhaupt, besonders in der Fortsetzung des zurückliegenden „Corona-Jahres“. Angesichts der Umbrüche und Abbrüche, schwindender Sicherheiten und Gewissheiten im persönlichen Erleben in unserer Kirche und in den Gemeinden. Um gegenhalten zu können gegen immer lauter und dreister werdende falsche, wirre, verunglimpfende Meinungsäußerungen von Zeitgenossen, die das Ziel haben, Identitäten und tragende Strukturen zu schwächen bzw. aufzulösen. Es braucht Licht. Viel mehr Licht der Schrift. Wir sind es, die es weitertragen als unser Vermächtnis. Der letzte Sonntag nach Epiphanias bietet Gelegenheit, das selbstgewiss und für andere selbstvergewissernd und identitätsstiftend zu tun.

 

Lieder

EG 450 „Morgenglanz der Ewigkeit“

„Dein Wort ist ein Licht auf meinem Weg“ (Ps. 119,15) (in: Alive. Das ökumenische Liederbuch für Schule und Gemeinde, Nr. 69)

 

Andrea Knauber

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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