Gemeinsam auf dem Weg

Das Buch Rut

Mit Rut wird einmalig ein biblisches Buch ganz aus der Perspektive von Frauen erzählt. Goethe hatte die Handlung als Idyll klassifiziert und sie damit als „Girl-meets-Boy-Story“ verkitscht. Jürgen Ebach hat überzeugend die lebensbedrohlichen soziale Härten der Handlung dagegen gehalten: Zwei Witwen, die eine zu alt, um noch Kinder zu bekommen, die andere Ausländerin, ringen nach schweren persönlichen Verlusten um ihr Überleben in der israelitischen Gesellschaft.

Irmtraud Fischer, die ihr profundes Wissen im Artikel „Rut/Rutbuch“ in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de), 2006 zur Verfügung stellt, sieht in der Novelle das Missing Link zwischen den Erzelterngeschichten und der Davidserzählung. Zwei Rechtsinstitute, die der sozialen Absicherung dienen, werden aufgegriffen und in ihrer Anwendung erweitert: Die „Levi­rats­ehe“ gilt auch für eine Ausländerin, und der „Löser“ sichert nicht nur eine Einzelperson, sondern die Lebensgemeinschaft von Noomi und Rut.

Das Buch Rut bietet laut Fischer den Gegenentwurf zur fremdenfeindlichen Kritik Nehemias an der Mischehe. Das weist in die fortgeschrittene nachexilische Zeit. Ruts Herkunft ist damit brisant, denn nachexilisch wird Moab besonders kritisch gesehen.

Rut als Vorbild der Treue

Die Perikope Rut 1,1-19a fokussiert aber gar nicht auf die ganze Handlung, sondern rollt nur das Setting aus: Es ist Richterzeit, die israelitische Familie Elimelech findet während einer Hungersnot Schutz und Nahrung im benachbarten Moab. Die Integration gelingt. Beide Söhne heiraten Moabiterinnen. In zwei Halbsätzen vollzieht sich die Katastrophe: Alle drei Männer sterben. Mutter Noomi entschließt sich zur Rückkehr, Schwiegertochter Orpa („die den Rücken kehrende“) lässt sich abwimmeln; Rut leistet der Schwiegermutter den vertrauten Treueschwur: ein Volk, ein Gott, ein Sterbeort.

Hier endet der Predigttext. Man könnte sagen: ein klassischer „Cliff-Hanger“, denn alles drängt auf Fortsetzung. Die erste Herausforderung für die Predigt wird also sein, ohne die ganze Geschichte auszukommen. Das theologische Interesse an dieser Abgrenzung ist klar: Rut wird als Vorbild der Treue etabliert. Die Völkerwallfahrt zum Zion, Themenschwerpunkt des 3. Epiphanias-Sonntags, bekommt mit ihr ein konkretes Gesicht. Doch unmittelbar auf die interkulturelle Weite des Glaubens an den Gott Israels abzustellen, erschiene künstlich. Stattdessen möchte ich der Geschichte weiter vertrauen und ihren Spuren folgen.

Mischehen“ in unseren Gemeinden

Ruts Treueschwur ist der Höhepunkt, so viel ist klar. Sie trifft hier eine Lebensentscheidung. Doch was genau ist der Grund dafür? In erster Linie empfindet sie eine tiefe Zuneigung und Loyalität zu Noomi, der sie alles andere folgen lässt. Hier zeigt sich ein fruchtbarer homiletischer Punkt: Wir haben viele „Mischehen“ in unseren Gemeinden. Meist sind es Ehen zwischen religiös verbundenen und agnostischen Partnern. Manchmal auch zwischen christlich getauften und muslimischen oder anders religiös gebundenen Eheleuten. Für sie alle stellen sich die Fragen: Wirst du mir nah in deinem Glauben oder fremd? Toleriere ich diesen besonderen Teil deines Lebens? Unterstütze ich deinen Wunsch, unsere Kinder taufen zu lassen, oder macht er mich unruhig? Finden wir einen guten Umgang mit unseren Unterschieden?

Interessant scheint mir an unserer Perikope, wie Noomi einwilligt: Sie ist einverstanden, dass Rut weiter mitgeht. Das ist noch lange kein eigenständiger Treueschwur. Rut und Noomi sind gemeinsam auf dem Weg, nicht mehr und nicht weniger. Wäre das nicht ein wunderbares Vorbild und eine Entlastung für alle interreligiösen, interkonfessionellen, inter… Konstellationen? Auch der Weg dieser beiden ist noch nicht zu Ende gegangen.

So lieb ich dich. Wie dieser Erde Gaben
Salz, Brot und Wein und Licht und Windeswehen,
Die, ob wir sie auch bitter nötig haben,
Sich doch nicht allezeit von selbst verstehen.

(Marie Luise Kaschnitz)

Antje Fetzer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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